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Muss ich meine Vergangenheit aufarbeiten, damit es mir gut geht?


Lichterkette, weiblich, 26 Jahre

Als ich ca. zwei Jahre alt war trennten sich meine Eltern nach einer extrem konfliktreichen Zeit. Als ich nach einem zweiwöchigem Besuch bei meinem Vater zu meiner Mutter zurück kam, verstummte ich für beinahe ein Jahr, ließ kein Blick- oder Körperkontakt zu, von niemandem. Jedoch kam ich „wieder zurück“, aus meiner Traumwelt in die reale. Was sich in den zwei Wochen bei meinem Vater zugetragen hat weiß ich nicht, anschließend habe ich ihn jedoch nur noch selten gesehen, da meine Mutter abrupt mit mir ins Ausland zog und den Kontakt abbrach.

In den nächsten Jahren verhielt ich mich sexuell auffällig, was schließlich aufhörte, schweife jedoch bis heute hin und wieder für einen Augenblick ab. Meine Mutter war fürsorglich, wenn auch manchmal überfürsorglich, an meinen Vater habe ich kaum Erinnerungen. Heute bin ich gedanklich mit meiner Vergangenheit weitestgehend im Reinen, doch habe ich so manche Ticks, vielleicht auch Zwänge und Ängste, die ich nicht einordnen kann. Sie schränken mich in meiner Lebens- und Alltagsgestaltung fast gar nicht ein, sind jedoch immer irgendwie da und meine gedanklichen Begleiter. Ich ekele vor „menschlichem“, vermeide es beispielsweise anderer Leute ausgeatmete Luft wieder einzuatmen und vermeide es öffentliche Dinge anzufassen. Wenn ich Kollegen davon erzähle sind sie meistens sehr verwundert. Manche Verhaltensweisen „erlaube“ ich mir, andere jedoch untersagte ich mir willentlich. Ich würde mich als sehr sensible sowie selbstbewusste, ausgeglichene und ein Stück weit sicherheitsliebende Person beschreiben, die ihr Leben genießt und gestaltet.

Wie würden Sie die stumme Phase in der Kindheit, vielleicht auch diagnostisch einschätzen? Was gibt es über das Nicht-mehr-sprechen zu wissen, wie entsteht so etwas? Sollte ich meine Vergangenheit aufarbeiten? Eine meiner Hauptfragen ist vermutlich, welchen Zusammenhang es zwischen der Kindheit und den heutigen Ticks und Ängsten geben kann. Sehen sie Handlungsbedarf, raten Sie mir zu einer therapeutischen Begleitung oder sind die Dinge unbedenklich, bzw. gehören einfach zu mir? Ich würde mich gerne besser verstehen und bin auch schlichtweg neugierig.

Vielen Dank, für Ihre Zeit, Mühe und Hilfe!

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Antwort von Psychologen Online

Liebe Unbekannte, Sie beschreiben sich als einen sehr sensiblen, selbstbewussten, ausgeglichenen und ein Stück weit sicherheitsliebenden Menschen. Ihren Alltag gestalten Sie relativ problemlos und Sie leben auch in einer Beziehung und genießen Ihr Leben. Dies alles hört sich sehr positiv an und deutet nicht darauf hin, dass Sie – was auch immer Ihnen als Kind passiert ist – heute noch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Viele Menschen erleben im Laufe ihres Lebens traumatische Situationen, aber in den allermeisten Fällen gelingt es ihnen, diese entweder aus eigener Kraft oder mit Unterstützung zu bewältigen.

Wann sollte ich meine Vergangenheit aufarbeiten?

Mehr Menschen als man vielleicht denkt, haben mehr oder weniger ausgeprägte Ängste, Zwänge und Ticks. Solange sie einen nicht einschränken und man selbst nicht darunter leidet, besteht wenig Handlungsbedarf. Die meisten Menschen reden nicht darüber und daher denkt man, man sei eine Ausnahme. Sie hinterfragen das alles, weil sie sich immer wieder fragen, ob dies etwas mit Ihren Erfahrungen als Kind zu tun hat. Dies kann natürlich sein, aber solange daraus kein Problem für Sie entsteht, ist es möglicherweise für Sie sinnvoller, Ihre „Marotten“ liebevoll anzunehmen. Das scheint Ihnen auch ganz gut zu gelingen.
Sie fragen sich darüber hinaus, ob Ihre „sexuelle Auffälligkeit“ in der Kindheit etwas mit Ihrem Aufenthalt bei Ihrem Vater als Zweijährige zu tun hat. Worin auch immer diese Auffälligkeit bestand: Auch Kinder sind bereits sexuell aktiv und masturbieren oder leben andere Formen sexueller Aktivität aus. Auch das muss nicht unbedingt etwas mit Ihrem Vater zu tun haben oder Ausdruck einer Störung sein.

Was in der Tat auffällig ist, ist die Tatsache, dass Sie für fast ein Jahr verstummten und keinen Blick- oder Körperkontakt zuließen. Vielleicht waren Sie schon immer sehr sensibel und sicherheitsbedürftig, so dass allein die zweiwöchige Trennung von der Mutter nach der konfliktreichen Trennungsphase der Eltern Sie extrem belastet hat. Auch die anschließende „Flucht“ der Mutter mit Ihnen ins Ausland und der damit verbundene Verlust der vertrauten Umgebung kann Sie aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Auf solche Situationen können Kinder mit Bettnässen oder Klammern, aber auch mit Sprachlosigkeit reagieren.

Meine Vergangenheit aufarbeiten, obwohl ich zufrieden bin?

Meiner Erfahrung nach braucht man nicht die ganze Vergangenheit aufarbeiten und bis ins Detail analysieren, um ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Lassen Sie sich von Ihrer eigenen Intuition im Hier und Jetzt leiten. Spüren Sie dem nach, dass neben einer Verletzlichkeit und Ängstlichkeit auch eine richtig starke Seite in Ihnen ist.

Falls Sie noch etwas zum Thema „Gefühle“ nachlesen wollen, kann ich folgendes Buch empfehlen: Wolf, Doris & Merkle, Rolf: Gefühle verstehen – Probleme bewältigen. PAL-Verlag, 2016.

Ich wünsche Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute!

  • Elke Aliatakis ist Psychologin und systemische Therapeutin und lebt in Herrenberg.

  • Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
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