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In kleinen Schritten wieder Vertrauen lernen


Onyetwenye, männlich, 21 Jahre

Ich habe ernsthafte Probleme, Menschen zu vertrauen oder kann einfach nicht vertrauen lernen. Menschen ignorieren mich. Ich brauche Liebe und bekomme sie nicht.

In meine erste beste Freundin hatte ich mich gleich verknallt. Natürlich habe ich versucht etwas Liebe abzubekommen und wurde abgewiesen. Blind wie man ist, hat man trotzdem nie aufgegeben. Ich bin jedes Wochenende mit ihr in die Clubs und habe sieben Monate mitangesehen, wie sie mich nach 30 Minuten durch den nächstbesten Jungen ersetzt hat. Als ich sie einmal in den Arm nehmen wollte, hat sie mich gegen die Wand geschmissen. Dann bin ich weinend nach Hause gerannt. In dieser Zeit meldeten sich meine Jungs nie von sich aus. Ich fragte schon montags, was am Wochenende geht und bekam ganz selten eine Antwort. Ich wurde damals magersüchtig.

Ich bin Raver, gehe in die Clubs, in denen meine Musik gespielt wird. Insbesondere England, Schweiz und Belgien. Ich war jeden Monat im Ausland alleine, habe die Freiheit genossen und z.B. in Manchester Freunde gefunden. Die Essstörung habe ich dadurch besiegt.

Die Vergangenheit hat Wunden hinterlassen: aus Selbstschutz fing ich an, Leute nicht wahrzunehmen, damit es mich nicht verletzt, wenn sie mich verlassen. Heute habe ich zwar einen sehr guten Kumpel aus Manchester - das Problem: Ich nehme ihn nicht wahr! Da ich ihn nicht sehen kann, habe immer Angst, ihn zu verlieren. Auch die Magersucht ist leider wieder da, auch wenn ich heute reifer bin. Ich fühl mich nicht geliebt - nur alleine und machtlos.

Wegen der Magersucht möchte ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, meine Eltern sollen jedoch nichts erfahren. Bezahlt die Krankenkasse Therapiestunden?

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Antwort von Psychologen Online

Lieber onyetwenye, Sie schreiben von großen Unsicherheiten, andere Menschen wahrzunehmen, ihnen zu vertrauen und haben Angst, liebgewonnene Menschen zu verlieren. Um diese Enttäuschung zu vermeiden, lassen Sie andere lieber gar nicht an sich heran. Das führt allerdings dazu, dass Sie auch gar keine positiven Erfahrungen machen können, z.B. nicht erfahren können, woran Sie merken, wenn Sie jemandem vertrauen können. Damit bleiben sie weiter misstrauisch und vorsichtig im Kontakt mit anderen. Man könnte auch von einem „Teufelskreis“ sprechen.

Vertrauen lernen durch gute Erfahrungen

Sie schreiben von schwierigen Zeiten, die Sie durchgemacht haben, unter anderem eine Magersucht und Klinikaufenthalt. Dann haben Sie selbst geschafft, sich zu stabilisieren. Mit Ihrer Leidenschaft als Raver haben Sie sogar neue Bekanntschaften gefunden. Das zeigt mir, dass Sie selbst schon Ansätze haben, aus diesem Teufelskreis heraus zu gelangen und so neu Vertrauen lernen könnten. Wie haben Sie es geschafft, sich z.B. auf Ihre Freunde in Manchester einzulassen? Was ist dabei anders als sonst? Diese Ansätze sollten Sie weiterverfolgen!

Des Weiteren würde ich Ihnen raten, ein wenig mehr auf die Zeichen zu hören, die Andere Ihnen senden und dabei auf Ihre eigenen Gefühle zu vertrauen. Ein Beispiel: Sie schreiben, dass Sie in Ihre Freundin verliebt waren, diese Sie aber jedes Wochenende „durch den nächstbesten Jungen ersetzt“ hat. Was waren Ihre Gefühle dabei? Möglicherweise Trauer, Enttäuschung, Einsamkeit oder Ärger? Da hätten Sie besser auf sich achtgeben können und sich dem nicht mehr aussetzen sollen. Wenn Sie ehrlich zu sich gewesen wären, hatten Sie dies als Zeichen interpretieren können, dass die Freundin nicht in Sie verliebt ist. Damals waren Sie auch noch jünger, gerade 18 Jahre alt. Mittlerweile sind sie reifer und könnten sich z.B. vornehmen: Ich achte gut darauf, wie es mir im Kontakt mit einer Person geht. Wenn es mir hauptsächlich schlechte Gefühle macht, ist es ein Warnsignal und ich muss etwas ändern. Wenn ich mich wohl fühle, kann ich Stück für Stück mehr Vertrauen wagen und dadurch neu Vertrauen lernen. Wenn Sie so achtsam mit sich selbst umgehen, kann es auch wieder zu der Nähe zu anderen Menschen kommen, die Sie sich so sehr wünschen.

Was heißt Psychotherapie praktisch?

Wenn Sie es nicht möchten, werden Ihre Eltern es nicht erfahren, wenn Sie eine Psychotherapie machen. Der/Die Psychptherapeut/in hat eine Schweigepflicht. Die Krankenkasse kann eine Psychotherapie in vollem Umfang bezahlen, wenn Sie diese bei einem approbierten psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten machen, der eine Kassenzulassung besitzt. Eine Magersucht ist, wenn Sie professionell diagnostiziert wird, ein Grund, dass die Krankenkasse eine Therapie übernimmt.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

  • Nora Thiemann ist Psychologin und systemische Therapeutin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

  • Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.Die Beratung von Psychologen Online per Videochat oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden