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Ich habe Angst vorm Autofahren, besonders allein auf Landstraßen…


Likretia, weiblich, 55 Jahre

Hallo, ich habe Angst vorm Autofahren, besonders allein Auto zu fahren. In der Stadt oder im Ort ist das kein Problem, aber außerorts auf Landstraßen. Diese Angst hält mich noch so gefangen, dass ich immer gefahren werden muss. Es fällt mir auch schwer alleine spazieren zu gehen. An öffentlichen Orten, zum Beispiel im Schwimmbad kann ich ohne Probleme alleine bleiben, auch zu Hause habe ich keine Angst. Ich muss dieses Angstgefühl endgültig loswerden und ich hoffe, dass es Wege auch ohne Medikamente gibt. Ich möchte diese Tür schließen und ein freies unbeschwertes Leben führen.

Obwohl ich behütet aufgewachsen bin, war als Kind jedoch sehr oft in Krankenhaus. Bereits an der Tür wurde ich den Schwestern übergeben und sah meine Eltern dann oft wochenlang nicht. Als mein Vater vor 30 Jahren starb, nahm mich das sehr mit, es hat mich sozusagen entwurzelt. Noch eine Erinnerung zum Autofahren: Mit 21 Jahren wurde mit beim Autofahren mal schlecht. Meine Mutter sagte, "mit Dir fahre ich nie mehr", das habe ich nie vergessen. Macht das für Sie einen Sinn? Wie kann ich diese Angst besiegen?

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Antwort von Psychologen Online

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie haben die These geschildert, dass Ihre Ängste etwas mit den Krankenhausaufenthalten als Kind, alleine ohne Ihre Eltern, zu tun haben könnten. Diese schwierigen (und oft traumatischen) Erfahrungen können einen Einfluss auf Ihr Angsterleben haben, müssen aber nicht.

Angst vorm Autofahren: eine reale Gefahr?

Sie berichten neben der Angst vorm Autofahren, von mehreren anderen Situationen, in denen Sie Angst haben. Angst ist grundsätzlich erst einmal ein guter Hinweis für jeden von uns, dass eine Gefahr besteht und wir uns aufmerksam und vorsichtig verhalten sollten. Manchmal verselbständigt sich die Angst jedoch und wird in Situationen erlebt, in der keine reale Gefahr besteht, dann wird häufig etwas "Älteres" aktiviert, was mit der realen Situation nur latent zu tun hat. Wie ist es bei Ihnen – können Sie beschreiben, was Ihnen in der jeweiligen Situation Angst bereitet? Oder geht es bei Ihnen eher um den "Zwang" tendenziell belastende Situationen immer wieder erneut zu erleben- eine immerwährende Wiederholung? Ob es sich bei Ihnen eher um eine Angststörung oder um eine posttraumatische Belastungsstörung oder noch um etwas anderes geht, kann ich von hier aus mit den wenigen Informationen von Ihnen nicht entscheiden.

Angstsituationen zu vermeiden, kann die Angst festigen

Wichtig aber ist: Sie können etwas tun! Und Sie haben -indem Sie uns schrieben- bereits den ersten Schritt getan, um die ängstigenden Situationen zu integrieren, also anzunehmen als das was sie sind. Und der Weg der Integration ist der Weg der Heilung, während Ihr Wunsch "die Tür zu schließen" mich eher an Vermeidung denken lässt UND das entlastet eventuell kurzfristig führt aber langfristig dazu, dass das belastende "Material" verdrängt im Untergrund weiter rumort und Sie nicht in Ruhe lässt.

Techniken gegen Angst vorm Autofahren

Wenn es um eine Angststörung gehen sollte: Angststörungen kommen häufig vor und lassen sich mit Hilfe von Experten gut behandeln. In einer Psychotherapie können mehrere Ansätze verfolgt werden. Mit Entspannungsverfahren lernen Sie, Ihren Körper aktiv zu beeinflussen und die starke körperliche Anspannung, die mit den Ängsten einhergeht, frühzeitig zu erkennen und zu senken. Zu den wichtigsten Entspannungsverfahren gehören Atemübungen, die progressive Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson und autogenes Training. Auch die Klopftechnik EFT, die sogenannte Emotional Freedom Techniques, ist gerade bei Ängsten gut einsetzbar.

Ein weiterer Ansatz ist, sich die eigenen Ressourcen genauer anzusehen. So haben Sie in Ihrer Vergangenheit bereits viele Angst-Situationen bewältigt. In manchen Situationen war es schwieriger, in anderen Situationen gelang es Ihnen leichter. Was können Sie aus diesen Erfahrungen lernen und zukünftig anwenden? Was hilft Ihnen, was stärkt sie? Welche Unterstützung können Sie sich organisieren? Beobachten Sie, was Ihnen Sicherheit gibt, was in diesen Situationen anders ist. Dieses Wissen können Sie nutzen und die „vertrauten“ Situationen nach und nach ausweiten. Es böte sich auch an, jemanden Ihres Vertrauens zu bitten, mit Ihnen für Sie schwierige (Verkehrs-)situationen zu üben.

Wenn es um die Bearbeitung von traumatisch erlebten Situationen geht, dann bietet sich eine traumaorientierte Psychotherapie an. Auch traumaverarbeitende Techniken wie EMDR oder Brainspotting sind Ansätze, die häufig relativ schnell Entlastung bringen können.

Professionelle Unterstützung suchen

Für eine gute Begleitung gibt es sicher auch in ihrer Nähe therapeutische Hilfe, die Sie abseits von medikamentöser Behandlung unterstützt, Ihren Handlungsspielraum zu erweitern und eine neue Lebensqualität zu erreichen. Sprechen Sie dafür mit Ihrem Hausarzt über Ihre Angst vorm Autofahren und lassen sich dazu beraten oder suchen Sie kassenzugelassene Psychotherapeut*innen Ihrer Wahl für eine kostenlose Erstberatung auf. Auch auf Angst oder Trauma spezialisierte psychotherapeutisch arbeitende Kolleg*innen können eine gute erste Wahl sein.

Alles Gute für Sie!

  • Ines Walter ist Psychologin und Gestalttherapeutin. Sie lebt in Berlin.

  • Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
    Die Beratung von Psychologen Online per Videotelefonie oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.