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Konflikte mit Kollegen: aushalten und ansprechen?

Konflikte mit Kollegen

Merle, 26 Jahre:

Liebes Team,

mir ist in letzter Zeit etwas an mir aufgefallen, für das ich mich schäme und ich nicht mit Freunden drüber sprechen kann – denn genau um jene geht es: (ein Teil meiner) Freunde und Arbeitskolleg*innen. Und zwar bin ich von einigen so genervt, weil sie mir zu undiszipliniert sind. Leute, die krank sind und/oder sich Zeit für sich selbst nehmen, verurteile ich innerlich. Trotz der Konflikte mit Kollegen heuchle ich nach außen Verständnis vor, aber innerlich bin ich total genervt. Denke, sie sollen sich nicht so anstellen, sich zusammenreißen usw. Möglicherweise, weil ich (früher) so erzogen wurde. Ich werde immer dafür gelobt, wie viel ich gleichzeitig mache/schaffe, aber ich finde, dass ich theoretisch noch deutlich mehr leisten könnte und empfinde das, was ich aktuell mache, nicht als herausragende Leistung. Außerdem erwarte ich, dass andere genauso diszipliniert und organisiert arbeiten wie ich und entsprechend zuverlässig sind.

Konflikte mit Kollegen: "Dieses Vorheucheln ist auf Dauer auch keine Lösung, da man mir schnell anmerkt, wenn ich genervt bin."

Ich habe immer diesen Satz im Kopf "Rede mit dir selbst wie mit einem guten Freund", weil man einem Freund Verständnis entgegen bringt und nachsichtiger ist. Nach außen bin ich so, aber innerlich denke ich halt ganz anders und würde ihnen am liebsten sagen "Meine Güte, reiß dich doch mal zusammen". Ich habe auch kein Verständnis für psychische Krankheiten, obwohl ich selbst schonmal wegen Depressionen und Borderline in einer Klinik war (2014, bis 2016 ambulante Therapie. Mittlerweile m. E. nach mit Tabletten und Strategien gut eingestellt). Deswegen halte ich es trotzdem oftmals für Anstellerei und hausgemacht. Ich bin da meiner Meinung auch nur durch Disziplin rausgekommen.

Ich weiß nicht, wie ich mich meinen Freunden gegenüber verhalten soll. Dieses Vorheucheln ist auf Dauer auch keine Lösung, da man mir schnell anmerkt, wenn ich genervt bin. Gleichzeitig kann ich es ihnen auch nicht so "vor den Kopf knallen"; wie ich es empfinde. Gerade auch, weil sie sich ja auch bewusst dagegen entschieden haben, zu funktionieren. Wie gehe ich die Konflikte mit Kollegen an?

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Antwort von Psychologen Online


Liebe Merle,

beim Lesen Ihrer Nachricht sind mir mehrere Themen aufgefallen. Interessant finde ich vor allem die Unterschiede, die Ihnen zwischen Ihnen selbst und Ihren Kollegen aufgefallen sind. Dass andere Menschen sich unterschiedlich verhalten, denken und fühlen gibt viel Potential, die Situation als Ganzes mehr „zu verstehen“ – denn jeder hat seine eigene kleine Realität und Wahrheit. Erst im Vergleich mehrerer Realitäten nähern wir uns dem gesamten Bild etwas an.

Gründe für Konflikte mit Kollegen

Bei Ihren Schilderungen hatte ich das Gefühl, dass Sie wenig Verständnis für das aktuelle Verhalten Ihre Kollegen am Arbeitsplatz haben. Ein typischer Grund für Konflikte mit Kollegen. Heißt auch, mehr Verständnis könnte womöglich Ärger reduzieren. Daher folgende Übung: Setzen Sie sich auf den Stuhl einer Person, die Ihnen Ärger bereitet. Wenn Sie dies nicht real können, stellen Sie sich die Situation vor. Gehen Sie in Gedanken den Tag dieser Person durch, mit den Informationen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Wann steht die Person auf? Was passiert vor dem Verlassen des Hauses in der Wohnung? Wie ist der Arbeitsweg? Welche Aufgaben stehen im Büro an und mit wem muss die Person diese erledigen? Und so weiter… Versuchen Sie nun aus der Perspektive der Person, möglichst unterschiedliche Hypothesen dazu zu entwickeln, warum sich diese Person in konkreten Situationen so verhält, wie Sie es beobachtet haben. Je mehr Ideen, desto besser…

Dieser Versuch, in eine andere Perspektive zu schlüpfen, kann zu mehr Verständnis und weniger Ärger führen. Um den Ansatz des Perspektivwechsels weiterzutreiben, könnten Sie andere Menschen aktiv nach ihren Annahmen fragen. Interessant bei allen Perspektivwechseln: Welche Prioritäten haben andere Menschen bei den täglichen Dingen und welche Gründe wären für Sie legitim? Unterschiede wird es geben und jeder Unterschied hat eine eigene Logik, die entdeckt werden kann.

Zufriedenheit am Arbeitsplatz

Wenn wir in einer Beratung zusammensäßen, würde mich als erstes Interessen, was Sie selbst brauchen, um mehr Zufriedenheit an Ihrem Arbeitsplatz zu spüren. Wieviel Zufriedenheit erwächst aus Ihrer ganz eigene Arbeitssituation und wie viel über Ihre Bewertung der Arbeit Anderer. Mal angenommen, Ihr Ärger entsteht aus einem Gefühl der Ungerechtigkeit: Welche Form der Anerkennung könnte Ihnen Linderung verschaffen? Oder mal angenommen, Ihre Arbeit wäre gerade gar nicht wichtig, was müsste dafür in Ihrem Privatleben passieren?

Noch eine Gedanke: Stellen Sie sich vor, Ihre Kollegen unterhalten sich über Sie und Sie könnten bei dieser „Lästerei“ mithören. Welche Ihre Hypothesen über Ihre Leistung und Ihren Anspruch bei der Arbeit hätten Ihre Kollegen? Welche Annahmen würde Ihre Kollegen über Ihren Leistungsanspruch, Ihre Disziplin und Ihre zurückliegende psychischen Erkrankung treffen? Was würden Ihre Kollegen Ihnen wünschen? Welche Vorstellungen haben Ihre Kollegen von Ihrem Privatleben?

Möglicherweise gehen meine Fragen alle an Ihrer Situation vorbei, vielleicht bringen sie jedoch auch neue Aspekte hervor.

Konflikte mit Kollegen richtig ansprechen

Sie schrieben davon, aus Scham, Ihren Ärger nicht mitzuteilen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie „Druck ablassen“ könnten, wenn Sie doch das Gespräch suchen. Vielleicht hilft es für den ersten Schritt, sich über das „Wie“ Gedanken zu machen. Achten Sie beim Ansprechen der Konflikte mit Kollegen darauf, Ihre Wahrnehmung zu betonen und von Ihrer Sicht zu sprechen. So lassen Sie dem Gegenüber die Freiheit, eine eigene Wahrnehmung der Situation zu haben. Meist ist die Betonung der eigenen Wahrnehmung und das Formulieren von Wünschen hilfreich, damit Kritik gut angenommen werden kann. So könnten Sie Formulierungen wählen wie „ich fühle, dass …“, „ich denke, dass …“ oder „ich wünsche mir, dass …“ anstatt in Form von schwer anzunehmenden Vorwürfen wie „Du machst …“ oder „Du machst nicht…“.

Vielleicht beginnen Sie mit einer Ihnen nahen Person.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen einige Anregungen geben!

  • Klemens Lühr ist Psychologe, systemischer Berater und Coach und lebt in Dortmund.

  • Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
    Die Beratung von Psychologen Online per Videotelefonie oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.


1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wie wäre es, den eigenen inneren Konflikt im Gespräch mit den Kollegen zu thematisieren? Denn es wohnen, so wie ich es verstehe, zwei Seelen in Merles Brust: Einerseits der Ärger, die Forderung, die Kollegen mögen sich zusammenreißen etc.
    Andererseits der Wunsch, verständnisvoller und nachsichtiger zu sein, “weil man einem Freund Verständnis entgegen bringt und nachsichtiger ist”.

    Warum sagt Merle nicht, was sie “eigentlich” denkt? Vermutlich nicht, weil da so etwas wie eine Angst ist, verurteilt, ausgegrenzt etc. zu werden, wenn sie sich nicht so verhält, wie “man” sich verhält, also “einem Freund Verständnis entgegen bringt und nachsichtiger ist”.

    Das ist imo doch der dahinterliegende innere Konflikt.

    Und diesen Konflikt kann ich ins Gespräch bringen: “Eigentlich regt es mich total auf, dass Du schon wieder krank bist. Ich bin so erzogen worden, dass man einen Arsch zusammenkneift, auch wenn es einem schlecht geht. Ich wurde immer dafür gelobt, wenn ich über meine Grenzen gegangen bin.
    Andererseits möchte ich aber auch ein guter Freund sein und habe Angst, dass Du mich nicht mehr magst, wenn ich Dir zeige, dass ich ärgerlich bin.”

    Diese Form der Kommunikation beinhaltet sehr viel Chancen, denn wer kennt diese Ambivalenz nicht?

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