Zu empathisch? Wenn Fürsorglichkeit zur Belastung wird
Empathie ist eine große Stärke – doch was, wenn sie zur Überforderung wird? Ein 27-jähriger Leser beschreibt, wie Verantwortungsgefühl, Loyalität und Hilfsbereitschaft zunehmend inneren Druck erzeugen.
In diesem Artikel erfahren Sie:
Erfahrungsbericht
Hallo, ich heiße Alex, bin 27 Jahre alt und habe das Gefühl, zu empathisch zu sein. Vor einem Jahr kam mein Großvater, zu dem ich ein sehr enges Verhältnis habe, ins Altersheim. Da mein Bruder mental behindert ist, war ich früher oft bei meinen Großeltern, damit meine Eltern Zeit für ihn hatten. Heute besuche ich meinen Opa so oft wie möglich, setze mich dabei aber selbst stark unter Druck. Gleichzeitig möchte ich für meine Freundin und Freunde da sein. Von ihnen höre ich, ich sei zu gutmütig und könne keine Grenzen setzen. Viele schätzen meine Empathie und erzählen mir ihre Probleme, doch mich erschöpft das. Ich war früher lockerer und möchte aus diesem Kreislauf aussteigen, ohne mich schwach zu fühlen. Wenn ich meinen Großvater nicht so oft besuche, habe ich ein schlechtes Gewissen. Ich möchte wieder mehr ich selbst sein und eine innere Kraft entwickeln, um ohne schlechtes Gewissen Grenzen zu setzen.
Wann Empathie zur Selbstüberforderung wird
Empathie ist keine Schwäche – sie ist eine soziale Kompetenz. Problematisch wird sie dann, wenn Ihr Selbstwert daran gekoppelt ist, gebraucht zu werden. Wenn Sie sich nur dann gut fühlen, wenn Sie für andere da sind, geraten Ihre eigenen Bedürfnisse schnell ins Hintertreffen.
Warum Schuldgefühle entstehen
Schuldgefühle entstehen häufig aus Bindung und Loyalität. Ihr Großvater war eine wichtige Bezugsperson. Es ist ja schon schön, dass Sie ihn überhaupt besuchen als junger Mensch, der auch ganz andere Interessen hat und ich bin mir sicher, dass Ihr Großvater darüber sehr froh ist. Ich weiß nicht, wie oft Sie ihn besuchen, vermutlich aber viel häufiger als nötig. Es kann sein, dass Sie sich da mit Ihrem Opa ein Stück identifizieren und etwas fühlen, was eher mit Ihrer eigenen Geschichte zu tun hat – als kleiner Junge, der sehr oft von seinen Eltern weggegeben wurde wegen dem Bruder. Es ist schön, dass der Opa sich um Sie gekümmert hat, aber vielleicht auch traurig für den Jungen, der so oft von zuhause weg musste, von daher kennen Sie Einsamkeit und Traurigkeit.
Wichtig ist: Auch wenn Sie Schuldgefühle spüren, heißt das nicht, dass Sie wirklich Schuld tragen. Es zeigt lediglich, wie wichtig Ihnen Beziehungen sind.
Vermutlich ist ein Teil der Gefühle, die Sie mit dem Opa verbinden, eher Ihr eigenes Gefühl. Sie haben ja sehr früh lernen müssen, zurückzustehen – weil der behinderte Bruder der Schwache war und Sie der Starke sein sollten. Selbst wenn das verständlich sein mag: Sie waren doch ein kleiner Junge, der selber auch Aufmerksamkeit, Zuwendung und einfach auch seine Eltern gebraucht hätte. So könnten Sie auch Mitgefühl und Verständnis für sich selbst haben.
Grenzen setzen lernen, ohne schlechtes Gewissen
Sie sind ein guter Mensch, da bin ich mir sicher. Um das zu sein, müssen Sie sich überhaupt nicht anstrengen oder unter Druck setzen. Ich glaube, Sie sind wirklich liebevoll und mit viel Empathie und das Einzige, was Ihnen zu schaffen macht, sind falsche Vorstellungen darüber, was Sie alles tun müssen. Das meiste davon müssen Sie gar nicht!
Ich vermute, dass dieser innere Druck aus Ihrer Kindheit stammt und dass Sie damals etwas Falsches gelernt haben, nämlich, dass Sie nicht richtig sind, wenn Sie nicht immer für alle da sind.
- Prüfen Sie realistisch, wie oft Besuche für Sie gut machbar sind.
- Kommunizieren Sie offen Ihre Belastung.
- Akzeptieren Sie, dass andere eventuell enttäuscht reagieren – ohne dass Sie etwas falsch gemacht haben.
„Ein Mensch, der wirklich sensibel, empathisch und hilfreich für Andere ist, ist einer, der gerne hilft, aber auch für sich selber sorgen kann."
Das ist Stärke. Wie kann ich Anderen wirklich helfen, wenn ich mit meinen Kräften am Ende bin? Einfühlsam und empathisch sein, heißt eben nicht, sich ohne Grenzen zu verausgaben. Die Anderen werden das übrigens schätzen, wenn Sie auch für sich selbst eintreten und werden Sie desto stärker wahrnehmen.
Grenzen setzen - Innere Stärke aufbauen
Die „positive Kraft“, die Sie suchen, entsteht durch Selbstanerkennung. Behandeln Sie sich selbst mit derselben Empathie, die Sie anderen schenken. Erlauben Sie sich, Bedürfnisse zu haben.
Nicht weniger empathisch werden ist das Ziel – sondern stabiler in sich selbst.
Psychologe Lutz Förster
Diplom-Psychologe · Psychologischer Psychotherapeut · Online-Beratung Zum TerminFachliche Schwerpunkte
Lutz Förster ist Psychologe mit langjähriger Erfahrung in der psychologischen Online-Beratung. Er begleitet Erwachsene in persönlichen Krisen, nach belastenden Lebensereignissen und auf dem Weg zu mehr Selbstakzeptanz, innerer Stabilität und persönlichem Wachstum.
- ●Selbstliebe entdecken oder wiederfinden
- ●Traumabewältigung – auch schwere Erfahrungen verarbeiten
- ●Arbeit mit dem Inneren Kind
- ●Persönliche Krisen und persönliches Wachstum
- ●Neuorientierung nach Verlust, Trennung oder einschneidenden Ereignissen
- Die Antworten im Blog von Psychologen Online dienen als erste Orientierung. Sie ersetzen keine Psychotherapie und stellen keine ausreichende Unterstützung bei schweren psychischen Erkrankungen dar.
Der jeweilige Blog-Artikel wurde unentgeltlich von einer Psychologin oder einem Psychologen von Psychologen Online verfasst. Er gibt die persönliche fachliche Einschätzung der Autorin bzw. des Autors wieder, die auf einer fundierten Ausbildung sowie praktischer Beratungs- und gegebenenfalls Therapieerfahrung basiert.
Die individuelle Beratung durch Psychologen Online per Video oder Telefon ist kostenpflichtig. Wenn Sie ein kostenfreies Unterstützungsangebot suchen, können Sie sich beispielsweise an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 wenden.