Vielleicht kennen Sie das: Ein Streit entsteht plötzlich, eskaliert schnell – und hinterher fragen Sie sich, warum Sie so stark reagiert haben. Impulsivität in Beziehungen kann sehr belastend sein, vor allem wenn sie sich immer wiederholt. In diesem Beitrag geht es darum, Impulsivität besser zu verstehen und erste Wege zu finden, damit umzugehen.
In diesem Artikel erfahren Sie:
Nach einem erneuten Streit mit meinem Freund steht sogar unsere Hochzeit auf der Kippe. Die Konflikte entstehen oft plötzlich und eskalieren schnell. Wenn ich mich missverstanden fühle, rede ich immer weiter, bis alles schlimmer wird. Am Ende weine ich, schreie und will gehen – obwohl ich weiß, dass ich überreagiere. Danach tut mir alles leid, aber im nächsten Streit passiert es wieder.
Ich bin sehr impulsiv und gehe schnell von 0 auf 180. Ich diskutiere und rechtfertige und streite so lange, bis es keiner mehr aushält. Ich hatte bisher nicht wirklich Glück in Beziehungen und manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt fähig bin, eine Beziehung zu führen. Ich habe das Vertrauen verloren, weil ich oft betrogen und belogen wurde. Meinem jetzigen Partner vertraue ich. Ich zweifle oft, brauche Bestätigung und habe große Angst, meinen Partner zu verlieren. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, durch meine Impulsivität alles kaputt zu machen.
Wie kann ich mich endlich besser in den Griff bekommen?
[Karina, 28 Jahre]
Hallo Karina,
danke für Ihre Anfrage und Ihr Vertrauen, das Sie mir dadurch entgegenbringen. Was Sie mir da beschreiben, sind erstmal ziemlich normale Konflikte, wie sie in den meisten Beziehungen immer mal wieder auftauchen. Beziehungen, gerade wenn sie intensiv sind, sind eben nicht nur romantisch, sondern sie sind der Ort, wo man seine eigenen Schwierigkeiten, alles was noch ungeheilt in einem ist, wiederfindet und gespiegelt kriegt. Ich finde, die Liebesbeziehung ist das Schwierigste auf der ganzen Welt – das gut und dauerhaft hinzukriegen, das ist die größte Aufgabe von allen und gelingt ja auch wirklich nicht jedem.
Impulsivität verstehen: Warum starke Gefühle nicht falsch sind
Impulsivität ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Menschen unterscheiden sich darin, wie schnell und intensiv sie emotional reagieren. Gerade in engen Beziehungen kommen diese Unterschiede besonders deutlich zum Vorschein.
Konflikte gehören dazu – vor allem dort, wo Nähe entsteht. Das bedeutet: Ihre Impulsivität ist nicht automatisch ein Problem oder ein „Fehler“. Sie müssen gar nicht versuchen, nicht mehr impulsiv zu sein, oder einen starken Gerechtigkeitssinn zu haben – und streiten können ist auch nicht nur eine schlechte Eigenschaft. Manche können das nicht, haben Angst davor und müssen es erst lernen!
Impulsivität als Spiegel alter Verletzungen
Gleichzeitig wird in Ihrer Schilderung deutlich, dass hinter der Impulsivität mehr steckt. Es geht nicht nur um den aktuellen Streit, sondern um ein tieferes Gefühl: nicht gut genug zu sein oder sich beweisen zu müssen.
Solche inneren Überzeugungen entstehen häufig über einen längeren Zeitraum und sind eng mit früheren Erfahrungen verbunden. Wenn dieses Grundgefühl aktiv wird, entsteht im Streit eine starke innere Spannung. Dann fällt es schwer, innezuhalten oder die Situation gelassener zu betrachten.
Typische Gedanken, die dabei eine Rolle spielen können, sind:
- „Ich bin nicht gut genug“
- „Ich muss mich rechtfertigen“
- „Ich werde nicht wirklich gesehen“
Diese Gedanken verstärken die emotionale Reaktion – und führen dazu, dass Konflikte schneller eskalieren.
Impulsivität verstehen und annehmen
Da hilft es aber nur ein bisschen, wenn man sich das so klarmacht und versucht, sich selbst so anzunehmen, wie man ist und zu denken: ich bin liebenswert. Hinter dem Grundgefühl steht nämlich vermutlich eine lange Geschichte, und das sind nicht nur die negativen Erlebnisse in früheren Partnerschaften, sondern wahrscheinlich eher etwas aus der Kindheit. Darüber weiß ich ja gar nichts. Sie können sich aber selber fragen:
- Bei wem war ich mir nie sicher, ob ich geliebt werde, ob ich gut genug bin?
- Für wen musste ich mich anstrengen oder habe ich immer versucht, etwas zu beweisen?
Das kann Vater oder Mutter sein oder auch jemand anderes, der Ihnen sehr wichtig war.
Impulsivität und das innere Kind
Ein möglicher Zugang ist die Arbeit mit dem sogenannten „inneren Kind“. Dahinter steht die Idee, dass in belastenden Momenten oft ein früherer, verletzter Anteil in uns reagiert.
Im Streit geht es dann nicht nur um das aktuelle Verhalten des Partners, sondern auch um alte Erfahrungen, die wieder aktiviert werden: eigentlich ist es mein kleines inneres Mädchen, das sich verletzt gefühlt hat wegen Vater oder Mutter. Ihr Partner hat das Ihnen nur gespiegelt. Dann kann man gefühlsmäßig oftmals viel schneller aus dem Streit herauskommen. Und dann braucht man auch nicht mehr „brav sein“ oder sagen, du hattest völlig recht und ich hatte unrecht usw.
Wenn sie nicht gleich deswegen Therapie machen wollen, könnten sie sich einfach mal mit dem Thema beschäftigen oder ein Buch zum Stichwort Inneres Kind lesen, es gibt einige gute dazu. Das kann schon mal einige Erleichterung bringen und neue Perspektiven eröffnen.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn Impulsivität immer wieder zu ähnlichen Konflikten führt oder Beziehungen stark belastet, kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu holen. In einer psychologischen Beratung oder Therapie lassen sich die zugrunde liegenden Muster gezielt aufarbeiten.
Gerade wenn starke Selbstzweifel oder Verlustängste eine Rolle spielen, kann dieser Schritt helfen, langfristig mehr Stabilität in Beziehungen zu entwickeln.
Psychologe Lutz Förster
Diplom-Psychologe · Psychologischer Psychotherapeut · Online-Beratung Zum TerminFachliche Schwerpunkte
Lutz Förster ist Psychologe mit langjähriger Erfahrung in der psychologischen Online-Beratung. Er begleitet Erwachsene in persönlichen Krisen, nach belastenden Lebensereignissen und auf dem Weg zu mehr Selbstakzeptanz, innerer Stabilität und persönlichem Wachstum.
- ●Selbstliebe entdecken oder wiederfinden
- ●Traumabewältigung – auch schwere Erfahrungen verarbeiten
- ●Arbeit mit dem Inneren Kind
- ●Persönliche Krisen und persönliches Wachstum
- ●Neuorientierung nach Verlust, Trennung oder einschneidenden Ereignissen
- Die Antworten im Blog von Psychologen Online dienen als erste Orientierung. Sie ersetzen keine Psychotherapie und stellen keine ausreichende Unterstützung bei schweren psychischen Erkrankungen dar.
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