Onyetwenye, männlich, 21 Jahre
Ich habe ernsthafte Probleme damit, Menschen zu vertrauen oder überhaupt Vertrauen zu lernen. Oft habe ich das Gefühl, ignoriert zu werden. Ich sehne mich nach Nähe und Liebe, bekomme sie aber nicht und fühle mich dadurch sehr allein.
In meine erste beste Freundin war ich verliebt. Ich hoffte auf Zuneigung, wurde jedoch immer wieder zurückgewiesen. Trotzdem gab ich lange nicht auf. Über Monate hinweg begleitete ich sie jedes Wochenende in Clubs und erlebte immer wieder, wie sie mich schnell durch andere Jungen ersetzte. Einmal, als ich sie in den Arm nehmen wollte, reagierte sie gewalttätig. Danach bin ich weinend nach Hause gelaufen.
In dieser Zeit fühlte ich mich von meinen Freunden ebenfalls kaum wahrgenommen. Kontakte gingen fast immer von mir aus, Rückmeldungen kamen selten. In dieser Phase entwickelte ich eine Essstörung.
„Ich fühle mich nicht geliebt – nur allein und machtlos. Wie kann ich wieder Vertrauen lernen?“
Später fand ich einen Ausgleich im Reisen und in der Musikszene. Ich war häufig allein im Ausland, zum Beispiel in England, der Schweiz und Belgien, und konnte dort neue Menschen kennenlernen. In Manchester entstanden Freundschaften, die mir geholfen haben, die Essstörung zeitweise zu überwinden.
Die Vergangenheit hat dennoch Spuren hinterlassen. Aus Selbstschutz begann ich, Menschen innerlich auf Abstand zu halten, um nicht wieder verletzt zu werden. Heute habe ich zwar einen guten Freund, doch die Angst, ihn zu verlieren, ist sehr groß. Auch die Essstörung ist leider wieder präsent. Ich fühle mich erneut ungeliebt, allein und machtlos.
Im Zusammenhang mit diesen Erfahrungen beschäftigen Sie auch Themen wie Vertrauen lernen und der Wunsch nach emotionaler Sicherheit.
Wegen der Essstörung möchte ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Gleichzeitig frage ich mich, ob die Krankenkasse die Kosten übernimmt und ob meine Eltern davon erfahren müssten.
Antwort von Psychologen Online
Lieber onyetwenye, Sie beschreiben große Unsicherheit im Kontakt mit anderen Menschen und eine tiefe Angst, erneut verletzt oder verlassen zu werden. Um diese Enttäuschung zu vermeiden, halten Sie andere lieber auf Distanz.
Dieser Schutzmechanismus ist nachvollziehbar, führt jedoch oft dazu, dass auch positive Erfahrungen ausbleiben. So entsteht ein Kreislauf aus Rückzug, Einsamkeit und Misstrauen, der es erschwert, neue Nähe zuzulassen.
Viele Menschen mit ähnlichen Erfahrungen berichten auch von Schwierigkeiten im Bereich Gefühle wahrnehmen oder zulassen, insbesondere nach belastenden Beziehungserfahrungen.
Vertrauen lernen durch neue Erfahrungen
Sie beschreiben, dass Sie es geschafft haben, sich zeitweise zu stabilisieren und neue Kontakte aufzubauen, etwa durch Ihre Reisen und Ihre Leidenschaft für Musik. Das zeigt, dass Sie grundsätzlich fähig sind, Beziehungen zu gestalten und Vertrauen aufzubauen.
Hilfreich kann es sein, genauer hinzuschauen, wann sich Nähe gut anfühlt und wann eher belastend. Warnsignale ernst zu nehmen und gleichzeitig positive Erfahrungen bewusst wahrzunehmen, kann helfen, schrittweise wieder Vertrauen zu entwickeln.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch, eigene Grenzen klarer zu spüren und zu kommunizieren. Unterstützung dazu finden Sie unter dem Thema Grenzen setzen können.
Was heißt Psychotherapie praktisch?
Wenn Sie eine Psychotherapie beginnen, unterliegen Therapeutinnen und Therapeuten der Schweigepflicht. Ihre Eltern müssen nicht informiert werden, wenn Sie das nicht möchten.
Eine Essstörung ist eine anerkannte psychische Erkrankung. Wird diese fachlich diagnostiziert, übernimmt die Krankenkasse in der Regel die Kosten für eine Behandlung bei approbierten Therapeutinnen oder Therapeuten.
Erfahrene Psychologen können Sie dabei unterstützen, Vertrauen aufzubauen, alte Verletzungen zu verarbeiten und neue Wege im Umgang mit Beziehungen zu finden.
Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Psychologin Nora Thiemann
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