Gefühle für einen Kollegen können auch in einer langjährigen Beziehung entstehen und starke innere Konflikte auslösen. Vielleicht fragen auch Sie sich, wie Sie mit diesen widersprüchlichen Gefühlen umgehen sollen, ohne vorschnell Entscheidungen zu treffen. Oft hilft es zunächst, die eigene Situation ehrlich und ruhig zu betrachten.
In diesem Artikel erfahren Sie:
Mein Mann und ich sind seit vielen Jahren zusammen, verheiratet und haben zwei Kinder. Da er beruflich oft unterwegs ist, trage ich im Alltag vieles allein. Unsere Beziehung ist stabil und vertraut, dennoch spüre ich seit einiger Zeit eine emotionale Leerstelle.
Vor etwa zwei Jahren entstand durch die Arbeit ein enger Kontakt zu einem Kollegen. Aus einem vertrauensvollen Austausch entwickelten sich Gefühle, die mich zunehmend beschäftigen. Als er mir vor einigen Wochen seine Gefühle gestand, geriet meine Gefühlswelt ins Wanken.
Die Beziehung zu meinem Mann fühlt sich vertraut und beständig an, die Gefühle für meinen Kollegen dagegen aufregend und intensiv. Obwohl ich mich klar für meine Familie entschieden habe, fällt es mir schwer, emotional Abstand zu gewinnen.
Elisabeth, 44 Jahre
Verliebt in Kollegen: Warum solche Gefühle entstehen können
Liebe Elisabeth,
verliebt in einen Kollegen zu sein, obwohl man in einer festen Beziehung lebt, ist emotional häufig sehr belastend. Vielleicht sind auch Sie selbst überrascht von der Intensität Ihrer Gefühle und fragen sich, wie diese überhaupt entstehen können, obwohl Sie Ihren Partner lieben.
Gerade in langen Partnerschaften geraten eigene Bedürfnisse und Wünsche nach Aufmerksamkeit, Lebendigkeit oder emotionaler Resonanz manchmal in den Hintergrund – besonders dann, wenn Alltag, Familie und Verantwortung viel Raum einnehmen. Neue Nähe zu einer anderen Person kann diese Sehnsüchte dann sehr intensiv aktivieren. Eine zusätzliche arbeitsbezogene Einordnung bietet der IG-Metall-Ratgeber „Wenn es am Arbeitsplatz funkt“.
Solche Dynamiken sind auch Thema in einer Paarberatung, insbesondere wenn eine Beziehung grundsätzlich stabil ist, sich aber emotional und vielleicht auch sexuell verändert hat. Wenn die neuen Gefühle einen starken Handlungsdruck erzeugen, kann es außerdem sinnvoll sein, die eigene Impulsivität in Beziehungen besser zu verstehen und wichtige Entscheidungen nicht allein aus der momentanen emotionalen Intensität heraus zu treffen.
Verliebt in Kollegen trotz Beziehung – was jetzt wichtig ist
Ein hilfreicher nächster Schritt kann sein, die eigenen Bedürfnisse klarer zu benennen. Fragen Sie sich ehrlich:
- Was genau nährt die Gefühle für den Kollegen?
- Ist es Aufmerksamkeit, echtes Interesse, emotionale Präsenz oder das Gefühl, wieder gesehen zu werden?
- Was davon ist in meiner langjährigen Beziehung zu kurz gekommen?
Diese Fragen können auch ein Impuls für Ihre Ehe sein – nicht als Vorwurf, sondern als Einladung, wieder stärker über Wünsche, Nähe und gemeinsame Zeit zu sprechen. Dabei kann es hilfreich sein, Wege zu finden, um konstruktiver in der Beziehung zu streiten und auch bei unterschiedlichen Sichtweisen miteinander im Gespräch zu bleiben.
Wenn solche Gespräche immer wieder scheitern oder sich Konflikte festgefahren haben, kann eine professionelle Online-Paartherapie bei festgefahrenen Konflikten dabei unterstützen, Bedürfnisse offen anzusprechen und gemeinsam tragfähige nächste Schritte zu entwickeln. Gefühle von Verliebtheit können – so aufwühlend sie auch sind – als Signal verstanden werden, genauer hinzuschauen.
Gleichzeitig lohnt es sich, die Konsequenzen der verschiedenen Möglichkeiten ehrlich zu betrachten:
- Was würde ein Ausleben der Gefühle bedeuten – für Sie, Ihre Kinder, Ihren Mann und auch für den Kollegen?
- Sehen Sie die Möglichkeit, Ihre Bedürfnisse und Wünsche innerhalb Ihrer Ehe zu verwirklichen?
- Welche Werte sind Ihnen langfristig wichtig?
Falls bereits persönliche oder körperliche Grenzen überschritten wurden, kann eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Umgang mit eigener Untreue helfen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Frage, was geschehen ist, sondern auch, wie Sie künftig Verantwortung übernehmen und mit den möglichen Folgen umgehen möchten.
Manchmal hilft es, sich gedanklich in die Zukunft zu versetzen: Welche Entscheidung würde sich langfristig stimmig anfühlen – auch wenn sie im Moment schwer erscheint? Welche Entscheidung würden Sie mehr bereuen, falls sie sich später als nicht passend herausstellt oder nicht das gewünschte Ergebnis bringt?
Wenn Sie merken, dass Sie allein keine Klarheit gewinnen, kann eine begleitende Beratung helfen, Gedanken und Gefühle zu sortieren, ohne vorschnell handeln zu müssen.
Quellen und Literaturempfehlungen
- Clement, U. (2010). Wenn Liebe fremdgeht: Vom richtigen Umgang mit Affären. Ullstein.
- Glisoni, N. (2025). Fremdverliebt. Verwirrt. Und jetzt?: Affäre oder Partnerschaft? Deinen Weg erkennen und mit Herz und Verstand entscheiden. Nancy Glisoni.
- Perel, E. (2017). Was Liebe braucht: Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen. Ullstein.
- Pierce, C. A., Byrne, D. & Aguinis, H. (1996): Attraction in Organizations: A Model of Workplace Romance. Journal of Organizational Behavior, 17(1), 5–32. Die Arbeit untersucht, wie romantische Beziehungen und Anziehung zwischen Menschen innerhalb einer Organisation entstehen können und welche Auswirkungen sie auf die Beteiligten, Kollegen und das Arbeitsumfeld haben können.
- Biggs, D., Matthewman, L. & Fultz, C. (2012): Romantic Relationships in Organisational Settings: Attitudes on Workplace Romance in the UK and USA. Gender in Management: An International Journal, 27(4), 271–285. Die Studie untersucht Erfahrungen und Einstellungen von Beschäftigten und Führungskräften zu romantischen Beziehungen am Arbeitsplatz und zeigt, dass solche Beziehungen sowohl persönliche als auch berufliche Auswirkungen haben können.




