Das Herz schlägt plötzlich schneller, die Gedanken kreisen und im Körper breitet sich eine schwer erklärbare Unruhe aus. Vielleicht entsteht die Angst vor einem wichtigen Gespräch, während einer Autofahrt oder scheinbar ohne konkreten Anlass. Manche Menschen fürchten, die Kontrolle zu verlieren, andere machen sich immer wieder Sorgen darüber, was in Zukunft passieren könnte.
Angst gehört zunächst zur normalen menschlichen Gefühlswelt. Sie warnt vor möglichen Gefahren, erhöht unsere Aufmerksamkeit und bereitet den Körper darauf vor, schnell zu reagieren. Problematisch kann sie jedoch werden, wenn die innere Alarmanlage immer häufiger anspringt, obwohl objektiv keine entsprechende Gefahr besteht – oder wenn Angst beginnt, Entscheidungen und Alltag zunehmend zu bestimmen.
Um Ängste besser bewältigen zu können, hilft deshalb zunächst eine andere Frage als „Wie bekomme ich meine Angst möglichst schnell weg?“: Was passiert eigentlich, wenn ich Angst habe – und wodurch wird sie bei mir ausgelöst oder aufrechterhalten?
In diesem Artikel erfahren Sie:
Was ist Angst und wann wird sie zum Problem?
Angst ist eine grundlegende emotionale und körperliche Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung. Dabei muss die Gefahr nicht unmittelbar vorhanden sein. Schon die Vorstellung, dass etwas passieren könnte, kann das körpereigene Alarmsystem aktivieren. Wird dabei zunehmend die Angst selbst zum Auslöser neuer Befürchtungen, kann sich der Kreislauf der Angst vor der Angst entwickeln.
Das lässt sich an einer einfachen Situation erkennen: Kommt beim Überqueren einer Straße plötzlich ein Auto schnell näher, reagiert der Körper innerhalb kürzester Zeit. Der Herzschlag beschleunigt sich, die Muskeln spannen sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Gefahr. Wir treten zurück oder gehen schneller weiter.
In diesem Moment erfüllt Angst eine wichtige Funktion. Sie kann uns dabei helfen, Gefahren frühzeitig wahrzunehmen und schnell zu reagieren. Auch Sorgen vor einer Prüfung, einem Vorstellungsgespräch oder einer schwierigen Entscheidung können in einem angemessenen Maß dazu beitragen, dass wir uns vorbereiten und aufmerksam bleiben. Richten sich Sorgen dagegen dauerhaft auf kommende Entwicklungen und mögliche negative Ereignisse, kann es hilfreich sein, mehr über Zukunftsangst zu erfahren. Stehen dagegen gesellschaftliche Entwicklungen, Krisen oder das Leid in der Welt im Mittelpunkt der Belastung, kann es sinnvoll sein, Weltschmerz besser zu verstehen.
Schwieriger wird es, wenn dieselbe Alarmreaktion in eigentlich ungefährlichen Situationen auftritt. Bereits ein unbeantworteter Anruf, eine harmlose körperliche Veränderung oder eine Nachricht mit den Worten „Wir müssen reden“ kann dann starke Angst auslösen. Ängste können dabei an sehr konkrete Situationen gebunden sein – beispielsweise können Sie hier mehr über Angst vor dem Autofahren erfahren oder nachlesen, wie sich eine ausgeprägte Angst vor Männern besser verstehen lässt.
Typische Symptome von Angst
Angst betrifft nicht nur die Gedanken. Sie ist eine Reaktion des gesamten Organismus und kann sich deshalb auf verschiedenen Ebenen zeigen.
- Körper: Herzklopfen, beschleunigter Puls, Schwitzen, Zittern, Schwindel, Muskelanspannung, Übelkeit oder veränderte Atmung
- Gedanken: Grübeln, Katastrophenszenarien oder die Erwartung, dass etwas Schlimmes passieren könnte
- Gefühle: innere Unruhe, Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust
- Verhalten: Rückzug, Vermeidung oder das Bedürfnis, sich immer wieder rückzuversichern
Einzelne solcher Reaktionen sind noch kein Hinweis darauf, dass eine Angststörung vorliegt. Entscheidend ist vielmehr, wie häufig und intensiv die Angst auftritt, wie lange sie anhält und wie stark sie den Alltag beeinträchtigt.
Problematisch kann Angst beispielsweise werden, wenn Sie bestimmte Orte nicht mehr aufsuchen, längere Autofahrten vermeiden, gesellschaftliche Situationen absagen oder wichtige Entscheidungen immer stärker davon abhängig machen, ob Sie dabei Angst empfinden könnten.
Auch eine generalisierte Angststörung unterscheidet sich von normalen Sorgen unter anderem dadurch, dass Ängste über längere Zeit bestehen, schwer kontrollierbar werden und den Alltag deutlich beeinträchtigen können. Weitere Informationen bietet das Gesundheitsportal des Bundes zur generalisierten Angststörung.
Warum Angst entsteht: Körper, Gedanken und Lebenssituation
Für starke Ängste gibt es selten nur eine einzige Ursache. Häufig wirken verschiedene Faktoren zusammen. Biologische Voraussetzungen, frühere Erfahrungen, persönliche Bewertungen und die aktuelle Lebenssituation können beeinflussen, wie empfindlich die persönliche „Alarmanlage“ reagiert.
Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise die aktuelle Belastung. Wer über längere Zeit unter beruflichem Druck steht, schlecht schläft, familiäre Konflikte erlebt oder kaum Erholungsphasen findet, kann feststellen, dass die innere Anspannung immer weiter zunimmt.
Mögliche Einflussfaktoren sind unter anderem:
- anhaltender beruflicher oder privater Stress
- belastende Lebensereignisse oder Verluste
- Schlafmangel und fehlende Erholungszeiten
- gesundheitliche oder finanzielle Sorgen
- Konflikte in Partnerschaft oder Familie
- hohe Erwartungen an die eigene Leistung
- frühere belastende oder angstauslösende Erfahrungen
Was bei Angst im Körper passiert
Wenn das Gehirn eine mögliche Gefahr registriert, aktiviert es innerhalb kurzer Zeit körperliche Prozesse, die auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Herzschlag und Atmung verändern sich, die Muskeln spannen sich an und die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf mögliche Gefahren.
Diese Reaktionen können unangenehm sein. Gerade wenn sie unerwartet auftreten, können sie selbst zum Auslöser weiterer Angst werden. Ein schneller Herzschlag wird dann beispielsweise nicht mehr als Stressreaktion wahrgenommen, sondern als Zeichen einer möglichen Erkrankung: „Mit meinem Herzen stimmt etwas nicht.“
Die Angst steigt – und dadurch kann wiederum der Herzschlag stärker werden.
Wenn Gedanken die Angst verstärken
Unter Angst verändert sich häufig auch die Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf mögliche Gefahren, während neutrale oder beruhigende Informationen weniger Beachtung finden.
Aus einem noch nicht beantworteten beruflichen Gespräch kann gedanklich schnell werden: „Ich werde bestimmt entlassen.“ Aus einem kurzen Schwindelgefühl entsteht möglicherweise: „Ich kippe gleich um.“
Typisch können dabei folgende Denkmuster sein:
- Katastrophisieren: Die schlimmstmögliche Entwicklung erscheint besonders wahrscheinlich.
- Gefahren überschätzen: Ein Risiko wird größer wahrgenommen, als es tatsächlich ist.
- Eigene Möglichkeiten unterschätzen: Die Fähigkeit, eine schwierige Situation zu bewältigen, erscheint geringer.
- Körperliche Symptome fehlinterpretieren: Harmlose körperliche Veränderungen werden als Hinweis auf eine ernsthafte Gefahr bewertet.
Angst lässt sich deshalb meist nicht sinnvoll verstehen, wenn lediglich ein einzelner Bereich betrachtet wird. Hilfreicher ist es, mehrere Ebenen zusammenzudenken: Körper, Gedanken, Verhalten und aktuelle Lebenssituation.
Der Angstkreislauf: Warum Vermeidung die Angst verstärken kann
Eine wichtige Erkenntnis bei der Behandlung von Ängsten klingt zunächst widersprüchlich: Gerade der Versuch, Angst unbedingt zu vermeiden, kann dazu beitragen, dass sie langfristig bestehen bleibt.
Stellen Sie sich beispielsweise eine Person vor, die während einer Aufzugfahrt plötzlich starkes Herzklopfen und Schwindel erlebt. Gleichzeitig entsteht der Gedanke: „Ich bekomme hier keine Luft.“
Beim nächsten Mal entscheidet sie sich vorsichtshalber für die Treppe. Die Angst verschwindet sofort. Diese unmittelbare Erleichterung fühlt sich zunächst wie eine gute Lösung an.
Psychologisch kann jedoch ein problematischer Lernprozess entstehen: Die Person erlebt nicht, dass sie die Aufzugfahrt hätte bewältigen können und die Angst wahrscheinlich auch wieder zurückgegangen wäre. Stattdessen entsteht unbewusst die Schlussfolgerung: „Gut, dass ich den Aufzug vermieden habe – offenbar war die Situation tatsächlich gefährlich.“
So kann ein Angstkreislauf entstehen
- Auslöser: Eine Situation, ein Gedanke oder eine körperliche Empfindung tritt auf.
- Bewertung: Die Situation wird als gefährlich interpretiert.
- Körperreaktion: Herzklopfen, Anspannung, Schwindel oder andere Symptome entstehen.
- Angststeigerung: Die Symptome werden beobachtet und erneut als Gefahr bewertet.
- Vermeidung oder Flucht: Die Situation wird verlassen oder künftig gemieden.
- Erleichterung: Die Angst nimmt kurzfristig ab.
- Lerneffekt: Langfristig kann sich die Einschätzung verstärken, dass die Situation gefährlich war.
Dieses Muster kann dazu führen, dass sich die persönliche Bewegungsfreiheit schrittweise verkleinert. Zunächst wird vielleicht nur ein bestimmter Aufzug vermieden, später alle Aufzüge. Irgendwann werden möglicherweise sogar Gebäude gemieden, bei denen eine Aufzugfahrt notwendig sein könnte.
Warum die Auseinandersetzung mit der Angst wichtig sein kann
Deshalb spielt die schrittweise Auseinandersetzung mit gefürchteten Situationen in der kognitiven Verhaltenstherapie eine wichtige Rolle. Die Verhaltenstherapie gehört zu den wissenschaftlich anerkannten Verfahren und wird unter anderem bei Angst- und Panikstörungen eingesetzt. Dabei werden Gedanken, Bewertungen und Verhaltensweisen betrachtet und verändert. Auch die S3-Leitlinie Angststörungen gibt evidenzbasierte Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung von Angststörungen.
Das bedeutet nicht, dass Betroffene sich möglichst schnell in die schwierigste Situation zwingen sollten. Vielmehr geht es darum, angemessen und häufig schrittweise neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Ein wichtiger Lernprozess kann dabei lauten: Ich kann Angst erleben, ohne automatisch fliehen zu müssen. Die Angst kann ansteigen – und sie kann auch wieder zurückgehen.
Auch angstauslösende Gedanken können genauer untersucht werden. Hilfreiche Fragen können beispielsweise sein:
- Welche Belege sprechen tatsächlich für meine Befürchtung?
- Welche Belege sprechen dagegen?
- Gibt es eine weniger bedrohliche Erklärung?
- Überschätze ich gerade die Wahrscheinlichkeit einer Gefahr?
- Was könnte ich tun, selbst wenn die befürchtete Situation tatsächlich eintreten würde?
Damit verändert sich das Ziel der Angstbewältigung. Es geht nicht darum, nie wieder Angst zu empfinden. Ziel ist vielmehr, sich wichtige Lebensbereiche nicht dauerhaft von der Angst nehmen zu lassen.
Was gegen starke Angst hilft und wann Unterstützung sinnvoll ist
Wenn starke Angst auftritt, besteht verständlicherweise oft der Wunsch, die unangenehmen Symptome möglichst schnell zu beenden. Herzklopfen, Schwindel, innere Unruhe und belastende Gedanken können sehr intensiv sein.
Der Versuch, diese Empfindungen um jeden Preis zu unterdrücken, kann jedoch zusätzlichen Druck erzeugen. Hilfreicher kann es zunächst sein, die Angst genauer wahrzunehmen und einzuordnen.
Die eigene Angst besser beobachten
Wenn Sie merken, dass Ihre Angst steigt, können einige Fragen helfen, den automatischen Ablauf bewusster wahrzunehmen:
- Was hat meine innere Alarmanlage gerade aktiviert?
- Welcher Gedanke ist unmittelbar vorher aufgetaucht?
- Was nehme ich gerade konkret in meinem Körper wahr?
- Welche Gefahr befürchte ich?
- Was würde ich aufgrund der Angst am liebsten vermeiden?
- Hilft mir dieses Verhalten langfristig oder nur für den Moment?
Schon das Erkennen dieser Zusammenhänge kann dabei helfen, Angst weniger als unkontrollierbare Macht wahrzunehmen und stattdessen ihre einzelnen Bestandteile besser zu verstehen.
Den Körper regulieren
Auch körperliche Regulation kann hilfreich sein. Eine ruhige Atmung, regelmäßige Bewegung, ausreichende Erholung oder Verfahren wie die progressive Muskelentspannung können dazu beitragen, das allgemeine körperliche Anspannungsniveau zu reduzieren. Entspannungsverfahren und Atemübungen werden auch als ergänzende Maßnahmen bei Angststörungen eingesetzt.
Eine Atemübung sollte jedoch nicht zur Vorstellung führen, eine ausgeprägte Angststörung einfach „wegatmen“ zu können. Sie kann vielmehr ein Werkzeug sein, um mit körperlicher Aktivierung besser umzugehen. Wird Ihnen während einer Atemübung schwindelig oder fühlen Sie sich dadurch unwohler, kehren Sie zu Ihrer normalen Atmung zurück.
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Bei ausgeprägten oder anhaltenden Ängsten können psychotherapeutische Verfahren helfen. Besonders gut untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei können beispielsweise automatische Angstgedanken bearbeitet, Vermeidungsstrategien erkannt und gefürchtete Situationen schrittweise wieder aufgesucht werden. Wenn Sie Ihre Situation zunächst persönlich einordnen und mögliche nächste Schritte besprechen möchten, kann auch eine psychologische Beratung bei Ängsten eine erste Anlaufstelle sein.
Professionelle Unterstützung ist insbesondere sinnvoll, wenn:
- Ängste über längere Zeit bestehen oder zunehmend stärker werden,
- Sie immer mehr Situationen vermeiden,
- Panikattacken auftreten,
- Schlaf, Arbeit, Beziehungen oder Freizeit deutlich beeinträchtigt werden,
- Sie Ihren Alltag immer stärker nach Ihrer Angst ausrichten oder
- Sie selbst nicht mehr einschätzen können, ob Beschwerden psychisch oder körperlich bedingt sind.
Neu auftretende, ungewöhnliche oder sehr starke körperliche Beschwerden sollten ärztlich abgeklärt werden. Symptome wie Herzrasen, Schwindel oder Atembeschwerden können bei Angst auftreten, aber auch körperliche Ursachen haben. Auch offizielle Gesundheitsinformationen zur generalisierten Angststörung weisen deshalb darauf hin, dass körperliche Ursachen bei entsprechenden Beschwerden ausgeschlossen werden sollten.
Fazit: Angst verstehen statt nur bekämpfen
Angst ist zunächst kein Zeichen von Schwäche, sondern ein menschliches Warnsystem. Sie soll uns dabei helfen, mögliche Gefahren wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Schwierig wird es, wenn dieses Alarmsystem zu häufig oder zu intensiv reagiert und eigentlich ungefährliche Situationen zunehmend als Bedrohung wahrgenommen werden. Körperliche Reaktionen, angstauslösende Gedanken und Vermeidungsverhalten können sich dann gegenseitig verstärken.
Gerade die kurzfristige Erleichterung durch Vermeidung kann langfristig dazu beitragen, Ängste aufrechtzuerhalten. Ein wichtiger Schritt besteht deshalb darin, die eigene Angst genauer kennenzulernen: Was löst sie aus? Welche Gedanken entstehen? Wie reagiert mein Körper? Und was tue ich anschließend?
Das Ziel ist nicht, jede Form von Angst vollständig aus dem eigenen Leben zu entfernen. Ein hilfreicher Umgang mit Angst bedeutet vielmehr, die eigene innere Alarmanlage besser zu verstehen und wieder mehr Handlungsfreiheit zu gewinnen – auch dann, wenn gelegentlich Angst vorhanden ist.
Literaturempfehlungen
Nina Heinrichs: Ratgeber Panikstörung und Agoraphobie. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe, Göttingen, 2007. Der Ratgeber vermittelt verständlich, wie Panik und Angst entstehen und aufrechterhalten werden können. Übungen und Arbeitsmaterialien unterstützen dabei, körperliche Empfindungen, Gedanken und Vermeidungsverhalten besser zu verstehen.
Jürgen Hoyer, Katja Beesdo-Baum & Eni S. Becker: Ratgeber Generalisierte Angststörung. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe. Der Ratgeber beschäftigt sich insbesondere mit übermäßigem Sorgen und anhaltender Angst und vermittelt psychologisch fundierte Möglichkeiten zum Umgang damit.
Hans Morschitzky: Angststörungen. Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer. Das Fachbuch bietet einen umfangreichen Überblick über normale und krankhafte Ängste, verschiedene Angststörungen sowie psychotherapeutische Behandlungs- und Selbsthilfemöglichkeiten.
Zu Ihrem Termin – Psychologen Online
Für Ihre Terminanfrage wählen Sie bitte folgende Felder aus. Bei Fragen zum Termin oder Angebot nutzen Sie gern unsere 24h-Hotline 0800 724 33




