Manche Menschen fragen sich, ob frühe Kindheitserfahrungen ihre heutigen Ängste oder Verhaltensweisen beeinflussen. Doch muss man die Vergangenheit aufarbeiten, um sich besser zu fühlen? In diesem Beitrag geht es um genau diese Frage.
Erfahrungsbericht
„Als ich etwa zwei Jahre alt war, trennten sich meine Eltern nach einer konfliktreichen Zeit. Nach einem zweiwöchigen Besuch bei meinem Vater verstummte ich fast ein Jahr lang, ließ keinen Blick- oder Körperkontakt zu und zog mich stark zurück. Was in dieser Zeit passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Danach zog meine Mutter mit mir ins Ausland und brach den Kontakt zu meinem Vater ab. In den darauffolgenden Jahren verhielt ich mich zeitweise sexuell auffällig, was später wieder aufhörte. Meine Mutter war fürsorglich. Heute bin ich ein sensibler, selbstbewusster und ausgeglichener Mensch. Trotzdem begleiten mich einige Verhaltensweisen, z. B. ich ekle mich vor bestimmten „menschlichen“ Dingen, vermeide es, ausgeatmete Luft einzuatmen und fasse öffentliche Gegenstände nur ungern an.“ [Lichterkette, weiblich, 26 Jahre]
Vergangenheit aufarbeiten: Kann ein Zusammenhang bestehen?
Liebe Unbekannte,
Sie beschreiben sich als reflektierten, sensiblen und insgesamt zufriedenen Menschen. Sie gestalten Ihr Leben aktiv und fühlen sich weitgehend stabil.
Das spricht eher nicht dafür, dass Sie heute unter einer schweren Traumafolgestörung leiden. Viele Menschen erleben belastende Situationen in der Kindheit und entwickeln dennoch gesunde Bewältigungsstrategien.
Ihre Ängste oder sicherheitsbezogenen Verhaltensweisen können durchaus mit Ihrer Sensibilität zusammenhängen. Auch eine eher unterschwellige Angst vor der Angst spielt bei manchen Menschen eine Rolle.
Vergangenheit aufarbeiten: Was frühe Kindheitserfahrungen bedeuten können
Dass Sie damals über längere Zeit nicht gesprochen und sich stark zurückgezogen haben, fällt auf. Solche Reaktionen können bei sehr sensiblen Kindern auftreten, wenn sie sich überfordert oder unsicher fühlen.
Kinder reagieren auf Belastungen unterschiedlich, zum Beispiel durch: starken Rückzug, Sprachlosigkeit oder Klammern.
Diese Reaktionen müssen jedoch nicht zwangsläufig auf ein einzelnes traumatisches Erlebnis hinweisen.
Muss ich meine Vergangenheit aufarbeiten?
Entscheidend ist, dass Sie Ihr heutiges Leben als stimmig erleben und Ihre Besonderheiten Sie kaum einschränken. Kleine Ängste, Zwänge oder Ticks kommen bei vielen Menschen vor und sind nicht automatisch behandlungsbedürftig.
Wenn Sie Ihre Vergangenheit besser verstehen möchten, kann eine psychologische Beratung helfen, Zusammenhänge einzuordnen. Dafür ist jedoch nicht immer eine umfassende Aufarbeitung der gesamten Lebensgeschichte erforderlich.
Ich wünsche Ihnen weiterhin einen achtsamen und guten Umgang mit sich selbst.



