Wenn ein nahestehender Mensch psychisch erkrankt, fühlen sich Angehörige oft hilflos, erschöpft und emotional stark belastet. Auf dieser Seite erfahren Sie, warum Depressionen auch Partnerschaften und Familien verändern können – und weshalb es wichtig ist, dass auch Angehörige psychisch Kranker Unterstützung erhalten.
Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf psychologischer Fachliteratur und der Erfahrung aus der psychologischen Beratung. Quellen und weiterführende Literatur finden Sie am Ende des Beitrags. Zuletzt fachlich geprüft durch Psychologin, Paar- und Familientherapeutin Katrin Speth: 13.09.2026 » Zur Autorin
In diesem Artikel erfahren Sie:
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Meine Partnerin und ich sind seit 16 Jahren zusammen. Seit längerer Zeit leidet sie unter Depressionen, im Moment besonders stark. Sie kommt kaum aus dem Bett, zieht sich zurück, grübelt viel und ist seit Monaten krankgeschrieben. Unternehmungen lehnt sie meist ab, sodass ich vieles allein mache. Ein Antidepressivum hat sie wegen der Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Auch eine Therapie lehnt sie ab, weil sie glaubt, dass sie nichts bringen würde. Ich liebe sie sehr, merke aber zunehmend, wie sehr mich die Situation belastet. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr helfen kann und wie wir aus dieser Krise herausfinden sollen.
Robert, 46 Jahre
Wie psychisch kranke Partner Beziehungen belasten können
Lieber Robert, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie sich hilflos fühlen. So geht es vielen Angehörigen von Menschen mit Depression. Eine typische Erscheinung ist, dass die Betroffenen wenig Antrieb haben und sich hoffnungslos fühlen. Das macht es schwerer, sich professionelle Hilfe wie eine Therapie zu suchen. Ein typischer Gedanke ist: „Mir geht es schlecht und es wird immer so bleiben.“ Für Angehörige ist es dabei wichtig, unterschiedliche Ebenen auseinanderzuhalten. Einerseits stellt sich die Frage, welche fachliche Hilfe für die erkrankte Person geeignet ist. Eine erste Orientierung bietet der Beitrag über die Unterschiede zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut. Andererseits entwickelt sich innerhalb einer Partnerschaft eine eigene Dynamik, die ebenfalls belastend sein kann. Wenn Gespräche immer wieder in Vorwürfen, Rückzug oder Streit enden, kann es hilfreich sein zu verstehen, wie Paare trotz Konflikten verbunden bleiben. Nicht jedes belastende Verhalten innerhalb einer Beziehung lässt sich unmittelbar auf eine psychische Erkrankung zurückführen. Starke emotionale Reaktionen oder unüberlegte Handlungen können beispielsweise Anlass sein, Impulsivität in Beziehungen besser zu verstehen. Auch andere Beziehungsthemen können parallel bestehen. Wenn etwa Untreue eine Rolle spielt, kann es sinnvoll sein, den Umgang mit eigener Untreue besser zu verstehen. Selbst der Wunsch, Nähe oder Liebe auszudrücken, kann in einer psychisch belasteten Partnerschaft schwieriger werden; dann kann die Frage, wie man „Ich liebe dich“ sagen und gleichzeitig ehrlich mit der eigenen Belastung umgehen kann, relevant werden. Die unerwünschten Wirkungen des Medikaments können bei einigen Antidepressiva gerade am Anfang der Behandlung auftreten. Ob und wie eine Medikation verändert werden sollte, gehört jedoch immer in ärztliche Hände. Wenn Ihre Partnerin Nebenwirkungen erlebt, sollte sie diese mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen. Dort kann beispielsweise geprüft werden, ob eine Anpassung der Dosierung oder ein anderes Medikament infrage kommt.„Tanz um das Symptom“ bei Angehörigen psychisch Kranker
In Beziehungen, in denen ein Partner eine Depression hat oder als psychisch krank gilt, geschieht zwischen den Personen häufig etwas, das in der systemischen Therapie „Tanz um das Symptom“ genannt wird: Alles fokussiert sich auf die Krankheit, sie wird zum ständigen Gesprächsthema. Dabei können ungünstige Dynamiken entstehen, in denen beide Partner zunehmend feste Positionen einnehmen, zum Beispiel:- „Du bist krank“ gegen „Ich bin nicht krank“
- „Wenn du mich liebst, machst du eine Therapie“ gegen „Wenn du mich liebst, akzeptierst du mich so, wie ich bin“
Warum gemeinsame Auszeiten wichtig sind
Wenn Sie eine solche Dynamik bei sich und Ihrer Partnerin sehen, empfehle ich Ihnen, sich bewusst Auszeiten vom Thema Depression zu nehmen. Überlegen Sie, was Sie noch gemeinsam machen können, ohne dass das Zusammensein ausschließlich von der Erkrankung bestimmt wird. Es können auch scheinbar kleine Alltäglichkeiten sein, beispielsweise ein schönes Essen zusammen oder ein gemeinsamer Film auf dem heimischen Sofa. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu unternehmen. Es geht vielmehr darum, Momente zu erhalten, in denen Sie sich wieder als Paar erleben können und nicht ausschließlich als erkrankte Person und helfender Angehöriger.Warum Angehörige auch auf sich selbst achten sollten
Bei allen guten Absichten können Sie Ihre Partnerin nicht in eine Therapie drängen. Letztendlich bleibt sie – soweit keine akute Gefährdung besteht – für ihre Entscheidungen und die Annahme professioneller Hilfe selbst verantwortlich. Diese Hilflosigkeit kann für Angehörige sehr schwer auszuhalten sein. Gerade deshalb kann der Austausch mit anderen Angehörigen entlastend sein. Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch erkrankter Menschen, in denen Sie erleben können, dass andere Partner und Familienmitglieder vor ähnlichen Fragen stehen. Sie sollten neben der Sorge um Ihre Partnerin auch den Blick auf Ihr eigenes Wohlbefinden richten. Fragen Sie sich: Was tut Ihnen gut? Wo können Sie neue Energie tanken und Abstand finden? Ein stabiles soziales Netz aus Freunden und Verwandten ist wichtig. Diese Beziehungen sollten Sie pflegen und nutzen, auch wenn Ihre Partnerin nicht mitgehen möchte. Selbstfürsorge bedeutet dabei nicht, den erkrankten Partner im Stich zu lassen. Vielmehr schützt sie davor, dass die gesamte eigene Kraft dauerhaft von der Erkrankung beansprucht wird. Je stärker Ihre eigenen Grenzen überschritten werden, desto schwieriger wird es auf Dauer auch, unterstützend und zugewandt zu bleiben. Ich wünsche Ihnen alles Gute!Quellen und Literaturverzeichnis
Für Angehörige und Partner psychisch erkrankter Menschen- Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen: Mit psychischer Krankheit in der Familie leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Sehr passend als allgemeiner Angehörigen-Ratgeber, weil er nicht nur einzelne Diagnosen, sondern auch Belastung, Hilflosigkeit und Selbstschutz der Angehörigen behandelt.
- Jürgen Hargens: Manchmal ist es fast zum Verrückt-Werden. Partner psychisch Kranker: Was kann ich tun? Thematisch sehr nah an diesem Artikel, weil es ausdrücklich um Partner psychisch kranker Menschen geht. Besonders passend für den Abschnitt über Beziehungsmuster und den „Tanz um das Symptom“.
- Alina Bach: Die Liebe in dunklen Zeiten. Partnerschaft und Depression – Erfahrungen einer Angehörigen. Gut geeignet, weil das Buch die Perspektive einer Angehörigen beziehungsweise Partnerin aufgreift und damit emotional nah an Roberts Erfahrungsbericht anschließt.
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: Informationen, Downloads und Literatur für Betroffene und Angehörige von Menschen mit Depression. Eine seriöse Informationsquelle für Angehörige, die Orientierung zur Erkrankung, zu Unterstützungsmöglichkeiten und zu weiterführender Literatur bietet.
- Martin Hautzinger (2022): Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige. 3., aktualisierte Auflage. Göttingen: Hogrefe. Ein psychologisch fundierter Ratgeber für Menschen, die verstehen möchten, was eine Depression kennzeichnet, welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen und wie Angehörige mit der Erkrankung umgehen können.
- Guy Bodenmann: Bevor der Stress uns scheidet. Resilienz in der Partnerschaft. Wissenschaftlich fundierter Ratgeber zur Frage, wie Belastungen Partnerschaften beeinflussen und wie Paare Stress gemeinsam bewältigen können.
- Guy Bodenmann: Verhaltenstherapie mit Paaren. Ein bewältigungsorientierter Ansatz. Fachbuch zu Paarproblemen, Kommunikation, Problemlösung und dyadischem Coping. Besonders passend für die fachliche Einordnung gemeinsamer Belastungsbewältigung innerhalb einer Partnerschaft.




