Wenn ein nahestehender Mensch psychisch erkrankt, fühlen sich Angehörige oft hilflos, erschöpft und emotional stark belastet. Auf dieser Seite erfahren Sie, warum Depressionen auch Partnerschaften und Familien verändern können – und weshalb es wichtig ist, dass auch Angehörige psychisch Kranker Unterstützung erhalten.
In diesem Artikel erfahren Sie:
Meine Partnerin und ich sind seit 16 Jahren zusammen. Seit längerer Zeit leidet sie unter Depressionen, im Moment besonders stark. Sie kommt kaum aus dem Bett, zieht sich zurück, grübelt viel und ist seit Monaten krankgeschrieben. Unternehmungen lehnt sie meist ab, sodass ich vieles allein mache. Ich liebe sie sehr, merke aber zunehmend, wie sehr mich die Situation belastet. Ich weiß nicht mehr, wie ich ihr helfen kann und wie wir aus dieser Krise herausfinden sollen.
Wie psychisch kranke Partner Beziehungen belasten können
Viele Angehörige von Menschen mit Depression fühlen sich hilflos. Eine typische Erscheinung ist, dass Betroffene wenig Antrieb haben und sich hoffnungslos fühlen. Das macht es schwerer, sich professionelle Hilfe wie eine Therapie zu suchen. Ein typischer Gedanke ist: „Mir geht es schlecht und es wird immer so bleiben.“
Für Angehörige ist es dabei wichtig, unterschiedliche Ebenen auseinanderzuhalten. Einerseits stellt sich die Frage, welche fachliche Hilfe für die erkrankte Person geeignet ist. Eine erste Orientierung bietet der Beitrag über die Unterschiede zwischen Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut. Andererseits entwickelt sich innerhalb einer Partnerschaft eine eigene Dynamik, die ebenfalls belastend sein kann.
Typische Belastungen innerhalb der Partnerschaft können beispielsweise sein:
- der zunehmende Rückzug des erkrankten Partners,
- weniger gemeinsame Aktivitäten und Nähe,
- wiederkehrende Konflikte über Behandlung oder Therapie,
- das Gefühl, immer mehr Verantwortung übernehmen zu müssen,
- Hilflosigkeit, Frustration oder Erschöpfung beim unterstützenden Partner.
Wenn Gespräche immer wieder in Vorwürfen, Rückzug oder Streit enden, kann es hilfreich sein zu verstehen, wie Paare trotz Konflikten verbunden bleiben.
Nicht jedes belastende Verhalten innerhalb einer Beziehung lässt sich unmittelbar auf eine psychische Erkrankung zurückführen. Starke emotionale Reaktionen oder unüberlegte Handlungen können beispielsweise Anlass sein, Impulsivität in Beziehungen besser zu verstehen. Auch andere Beziehungsthemen können parallel bestehen. Wenn etwa Untreue eine Rolle spielt, kann es sinnvoll sein, den Umgang mit eigener Untreue besser zu verstehen. Selbst der Wunsch, Nähe oder Liebe auszudrücken, kann in einer psychisch belasteten Partnerschaft schwieriger werden; dann kann die Frage, wie man „Ich liebe dich“ sagen und gleichzeitig ehrlich mit der eigenen Belastung umgehen kann, relevant werden.
Die unerwünschten Wirkungen des Medikaments können bei einigen Antidepressiva gerade am Anfang der Behandlung auftreten. Ob und wie eine Medikation verändert werden sollte, gehört jedoch immer in ärztliche Hände. Wenn Nebenwirkungen auftreten, sollten diese mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden. Dort kann beispielsweise geprüft werden, ob eine Anpassung der Dosierung oder ein anderes Medikament infrage kommt.
„Tanz um das Symptom“ bei Angehörigen psychisch Kranker
In Beziehungen, in denen ein Partner eine Depression hat oder als psychisch krank gilt, geschieht zwischen den Personen häufig etwas, das in der systemischen Therapie „Tanz um das Symptom“ genannt wird: Alles fokussiert sich auf die Krankheit, sie wird zum ständigen Gesprächsthema.
Dabei können ungünstige Dynamiken entstehen, in denen beide Partner zunehmend feste Positionen einnehmen, zum Beispiel:
- „Du bist krank“ gegen „Ich bin nicht krank“
- „Wenn du mich liebst, machst du eine Therapie“ gegen „Wenn du mich liebst, akzeptierst du mich so, wie ich bin“
Solche Muster können sich verfestigen. Dann wird es innerhalb der Beziehung immer schwieriger, noch andere Seiten des Partners oder des gemeinsamen Lebens wahrzunehmen. Die Erkrankung bestimmt zunehmend, worüber gesprochen wird, wie Entscheidungen getroffen werden und welche Rollen beide Partner übernehmen.
Gerade aus Sorge entsteht bei Angehörigen häufig der verständliche Wunsch, möglichst schnell etwas zu verändern. Sie schlagen eine Therapie vor, suchen nach Behandlungsmöglichkeiten, erinnern an Medikamente oder versuchen, den anderen zu mehr Aktivität zu bewegen. Solche Versuche sind meist gut gemeint. Sie können jedoch als Druck erlebt werden, wenn die betroffene Person selbst noch nicht bereit ist, sich mit möglichen Veränderungen auseinanderzusetzen.
Hilfreicher kann es sein, zunächst zuzuhören und verstehen zu wollen, was die betroffene Person gerade erlebt. Erst danach lässt sich gemeinsam überlegen, ob und welche Unterstützung gewünscht ist. Statt sofort Lösungen anzubieten, können beispielsweise folgende Fragen helfen:
- „Was würde dir im Moment helfen?“
- „Möchtest du, dass ich dir einfach zuhöre?“
- „Sollen wir gemeinsam überlegen, was du tun könntest?“
- „Gibt es etwas, wobei ich dich konkret unterstützen kann?“
Dabei kann es auch helfen, die Depression nicht als Problem eines einzelnen Partners zu betrachten, über das beide gegeneinander verhandeln. Die Erkrankung kann vielmehr als Belastung verstanden werden, mit der die Beziehung gemeinsam umgehen muss. Das bedeutet nicht, dass beide für die Erkrankung verantwortlich sind. Es kann aber verhindern, dass sich Gespräche zunehmend um Schuld und gegenseitige Vorwürfe drehen.
Wenn der Partner keine Hilfe annehmen möchte
Besonders belastend wird die Situation häufig, wenn Angehörige deutlich wahrnehmen, dass es dem Partner schlecht geht, dieser professionelle Unterstützung aber ablehnt. Der Versuch, die andere Person von einer Therapie zu überzeugen, führt dann nicht selten zu wiederkehrenden Diskussionen.
Für ein solches Gespräch ist ein möglichst ruhiger Zeitpunkt meist geeigneter als eine Situation, in der beide bereits angespannt oder frustriert sind. Statt eine Diagnose zuzuschreiben oder die andere Person unter Druck zu setzen, können konkrete Beobachtungen angesprochen werden: etwa dass sie sich häufiger zurückzieht, kaum noch Freude an früher wichtigen Dingen zeigt oder alltägliche Aufgaben zunehmend schwerfallen.
Anschließend kann die eigene Sorge formuliert werden. Aussagen wie „Ich mache mir Sorgen, weil ich merke, wie schlecht es dir seit einiger Zeit geht“ lassen eher Raum für ein Gespräch als Vorwürfe oder Forderungen. Auch Fragen können helfen herauszufinden, warum professionelle Unterstützung abgelehnt wird. Manchmal bestehen Ängste vor einer Therapie, schlechte Vorerfahrungen oder die für Depressionen typische Hoffnungslosigkeit, dass ohnehin nichts helfen werde.
Angehörige können Informationen anbieten, bei der Suche nach professioneller Unterstützung helfen oder auf Wunsch einen ersten Termin organisatorisch erleichtern. Die Entscheidung, Hilfe anzunehmen, können sie der betroffenen Person jedoch nicht vollständig abnehmen. Je stärker versucht wird, Veränderung zu erzwingen, desto eher kann sich der Konflikt zwischen beiden Partnern auf die Frage zuspitzen, wer Recht hat.
Wenn Sie merken, dass Sie als Paar immer wieder in dieselben Gespräche und Konflikte geraten, kann eine professionelle Online-Paartherapie bei festgefahrenen Konflikten dabei helfen, diese Muster gemeinsam zu betrachten. Eine Paarberatung ersetzt dabei nicht die individuelle Behandlung einer psychischen Erkrankung, kann aber einen Rahmen schaffen, um über Belastungen, Grenzen und Bedürfnisse in der Beziehung zu sprechen.
Warum gemeinsame Auszeiten wichtig sind
Wenn sich eine solche Dynamik entwickelt, kann es hilfreich sein, sich bewusst Auszeiten vom Thema Depression zu nehmen. Überlegen Sie, was Sie noch gemeinsam machen können, ohne dass das Zusammensein ausschließlich von der Erkrankung bestimmt wird.
Es können auch scheinbar kleine Alltäglichkeiten sein, beispielsweise ein schönes Essen zusammen oder ein gemeinsamer Film auf dem heimischen Sofa. Entscheidend ist nicht, möglichst viel zu unternehmen. Es geht vielmehr darum, Momente zu erhalten, in denen Sie sich wieder als Paar erleben können und nicht ausschließlich als erkrankte Person und helfender Angehöriger.
Warum Angehörige auch auf sich selbst achten sollten
Bei allen guten Absichten können Angehörige ihren Partner nicht in eine Therapie drängen. Letztendlich bleibt die betroffene Person – soweit keine akute Gefährdung besteht – für ihre Entscheidungen und die Annahme professioneller Hilfe selbst verantwortlich. Diese Hilflosigkeit kann für Angehörige sehr schwer auszuhalten sein.
Unterstützen bedeutet nicht, selbst die Rolle eines Therapeuten zu übernehmen. Angehörige können zuhören, bei der Suche nach Hilfe unterstützen und im Alltag zur Seite stehen. Sie können die Behandlung oder die Verantwortung für die Genesung jedoch nicht übernehmen.
Es kann deshalb wichtig sein, die eigenen Grenzen im Blick zu behalten. Dazu kann beispielsweise gehören:
- nicht dauerhaft die Verantwortung für die Stimmung des Partners zu übernehmen,
- nicht ständig kontrollieren zu müssen, ob der Partner etwas unternimmt oder Hilfe sucht,
- eigene soziale Kontakte und Aktivitäten weiterhin zu pflegen,
- sich selbst Unterstützung zu suchen, wenn die Belastung zu groß wird,
- klar auszusprechen, was man leisten kann und wo die eigene Grenze erreicht ist.
Eigene Grenzen zu setzen bedeutet dabei nicht, den erkrankten Menschen zurückzuweisen. Grenzen beschreiben vielmehr, was man selbst leisten kann und was nicht. Statt zu verlangen „Du musst dich ändern“, kann beispielsweise formuliert werden: „Ich merke, dass ich dieses Gespräch heute nicht mehr weiterführen kann“ oder „Ich unterstütze dich gern bei der Suche nach Hilfe, aber ich kann die Verantwortung für deine Behandlung nicht übernehmen.“
Gerade deshalb kann der Austausch mit anderen Angehörigen entlastend sein. Es gibt Selbsthilfegruppen für Angehörige psychisch erkrankter Menschen, in denen Sie erleben können, dass andere Partner und Familienmitglieder vor ähnlichen Fragen stehen.
Sie sollten neben der Sorge um Ihren Partner auch den Blick auf Ihr eigenes Wohlbefinden richten. Fragen Sie sich: Was tut Ihnen gut? Wo können Sie neue Energie tanken und Abstand finden? Ein stabiles soziales Netz aus Freunden und Verwandten ist wichtig. Diese Beziehungen sollten Sie pflegen und nutzen, auch wenn Ihr Partner nicht mitgehen möchte.
Selbstfürsorge bedeutet dabei nicht, den erkrankten Partner im Stich zu lassen. Vielmehr schützt sie davor, dass die gesamte eigene Kraft dauerhaft von der Erkrankung beansprucht wird. Je stärker Ihre eigenen Grenzen überschritten werden, desto schwieriger wird es auf Dauer auch, unterstützend und zugewandt zu bleiben.
Quellen und Literaturverzeichnis
- Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen: Mit psychischer Krankheit in der Familie leben. Rat und Hilfe für Angehörige. Ratgeber zu Belastungen, Hilfsmöglichkeiten und Selbstschutz für Angehörige psychisch erkrankter Menschen.
- Jürgen Hargens: Manchmal ist es fast zum Verrückt-Werden. Partner psychisch Kranker: Was kann ich tun? Das Buch behandelt den Umgang mit psychischer Erkrankung und belastenden Beziehungsmustern in Partnerschaften.
- Alina Bach: Die Liebe in dunklen Zeiten. Partnerschaft und Depression – Erfahrungen einer Angehörigen. Erfahrungsbericht über die Auswirkungen einer Depression auf Partnerschaft und Angehörige.
- Dozois, D. J. A. (2026): What to Do When Your Partner Is Depressed: Supporting Your Loved One While Caring for Yourself. New York: Guilford Press. Wissenschaftlich fundierter Ratgeber zu Unterstützung, Kommunikation und Selbstfürsorge bei Depression des Partners.
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: Informationen, Downloads und Literatur für Betroffene und Angehörige von Menschen mit Depression. Fachinformationen zu Depression, Hilfsmöglichkeiten und Unterstützung für Angehörige.




