Doomscrolling stoppen – Kriege, Klimakrise, politische Konflikte und wirtschaftliche Unsicherheit: Noch nie waren Nachrichten so jederzeit verfügbar wie heute. Viele Menschen greifen deshalb mehrfach täglich zum Smartphone, um informiert zu bleiben. Doch aus einem kurzen Nachrichten-Check wird oft stundenlanges Scrollen durch negative Meldungen. Dieses Verhalten wird als Doomscrolling bezeichnet. Psychologen beobachten seit Jahren, dass exzessiver Konsum negativer Nachrichten die mentale Gesundheit belasten kann. Doch warum geraten wir überhaupt in diesen Strudel und wie können wir wieder einen gesunden Umgang mit Informationen finden?
Die Inhalte dieses Beitrags basieren auf psychologischer Fachliteratur und praktischer Beratungserfahrung. Weiterführende Quellen und Literaturangaben finden Sie am Ende des Artikels. Verfasst von Psychologin (M.Sc.) und Traumafachberaterin Marie Köster · Stand: 20.10.2026 · Zur Autorin
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Ich greife ständig zum Handy, um nach neuen Informationen zu schauen. Wenn ich es nicht tue, habe ich das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen. Gleichzeitig machen mich die Nachrichten zunehmend traurig und sorgen dafür, dass ich mich der Welt ausgeliefert fühle.
aus der beratung von psychologen online
Warum negative Nachrichten unsere Aufmerksamkeit binden
Bedrohliche Informationen können Aufmerksamkeit binden. Der Wunsch, Risiken zu verstehen, ist nachvollziehbar. Wenn jede Meldung zu weiteren Suchanfragen führt, ohne eine konkrete Frage zu beantworten, kann aus Informationssuche eine belastende Gewohnheit werden. Doomscrolling ist keine eigenständige klinische Diagnose. Wer feststellt, dass der automatische Griff zum Handy auch außerhalb des Nachrichtenkonsums den Alltag bestimmt, kann gezielt gesündere Smartphone-Gewohnheiten entwickeln.Wie Social Media Doomscrolling verstärkt
Plattformen wie Instagram, TikTok, X oder Facebook sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu halten. Ein wesentlicher Grund dafür ist das sogenannte endlose Scrollen. Früher gab es natürliche Unterbrechungen: Das Ende eines Zeitungsartikels, einer Fernsehsendung oder eines Buchkapitels. Heute liefern soziale Netzwerke ununterbrochen neue Inhalte. Zusätzlich wirkt ein psychologischer Belohnungseffekt: Zwischen vielen negativen Meldungen taucht gelegentlich eine besonders interessante Information auf. Diese kleinen „Belohnungen“ motivieren uns, weiterzuscrollen, obwohl die meisten Inhalte keinen echten Mehrwert liefern. Ähnliche Belohnungsmechanismen können auch bei anderen digitalen Aktivitäten eine Rolle spielen. Das bedeutet nicht, dass häufiges Scrollen automatisch eine Abhängigkeit darstellt. Wenn digitale Medien jedoch zunehmend andere Lebensbereiche verdrängen, kann eine weiterführende Beschäftigung mit Themen wie Videospielsucht helfen, problematische Nutzungsmuster besser einzuordnen. Dadurch verbringen viele Menschen deutlich mehr Zeit mit Nachrichten und Debatten, als sie ursprünglich beabsichtigt hatten.Welche Folgen Doomscrolling für die Psyche haben kann
Ein gelegentlicher Nachrichtenmarathon ist noch kein Problem. Problematisch wird es, wenn der Konsum negativer Informationen zum täglichen Dauerzustand wird. Typische Auswirkungen können sein:- erhöhte Angst und innere Unruhe
- Grübelgedanken und Zukunftssorgen
- Schlafprobleme
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Gereiztheit
- pessimistische Sicht auf die Welt
So gelingt ein gesünderer Umgang mit Nachrichten
Die Lösung besteht nicht darin, Nachrichten komplett zu vermeiden. Informiert zu bleiben ist wichtig. Entscheidend ist vielmehr, den eigenen Medienkonsum bewusst zu steuern. Ein redaktioneller Alltagsplan kann so aussehen: Sie wählen ein Nachrichtenangebot und beantworten vor dem Öffnen die Frage „Was muss ich heute wissen?“. Nach dem Lesen einer Zusammenfassung schließen Sie die App. Eine selbst gewählte Zeitgrenze kann zusätzlich erinnern; sie ist keine medizinisch empfohlene Minutenzahl. Bei akuter eigener Gefährdung haben relevante Warn- und Schutzinformationen Vorrang. Wenn Sie weiter nachsehen möchten, prüfen Sie: Gibt es eine neue Information oder suche ich gerade Beruhigung? Für den zweiten Fall hilft vielleicht ein Gespräch, eine Pause oder eine konkrete Aufgabe. Beim erneuten Scrollen müssen Sie nicht den ganzen Plan aufgeben: Passen Sie einen Auslöser an, etwa Push-Meldungen oder das Handy am Bett. Praktische Maßnahmen können sein:- feste Zeiten für Nachrichten festlegen
- echte zwischenmenschliche Kontakte
- Bildschirmzeit begrenzen
- Social-Media-Apps zeitweise deaktivieren
- das Smartphone nicht mit ins Schlafzimmer nehmen
- hochwertige Medien statt endloser Kommentarspalten nutzen
- aktiv werden, statt nur zu konsumieren, etwa durch Ehrenamt oder lokale Projekte
Fazit
Doomscrolling zu stoppen bedeutet, Informationsbedarf und wiederholtes Suchen nach Sicherheit zu unterscheiden. Wählen Sie Quellen, einen Anlass und einen Endpunkt. Prüfen Sie, ob Schlaf, Konzentration und Alltag dadurch weniger beeinträchtigt werden. Bei anhaltender Angst oder deutlichen Einschränkungen ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll; allgemeine Beratung ersetzt keine notwendige Behandlung.Quellen und Literaturempfehlungen
- Felix Günther (2025): Offline-Challenges statt Doomscrolling. 50 Ideen für deine digitale Auszeit. BoD – Books on Demand. Praxisorientierter Ratgeber mit konkreten Ideen, um Bildschirmzeit und digitalen Medienkonsum bewusst zu reduzieren.
- Volker Busch (2021): Kopf frei! Wie Sie Klarheit, Konzentration und Kreativität gewinnen. Droemer. Der Psychiater und Neurowissenschaftler erläutert, wie Informationsüberflutung und ständige Ablenkung die Aufmerksamkeit beeinflussen und wie sich geistige Freiräume schaffen lassen.
- Rolf Dobelli (2019): Die Kunst des digitalen Lebens. Wie Sie auf News verzichten und die Informationsflut meistern. Piper. Der Autor setzt sich mit permanentem Nachrichtenkonsum auseinander und beschreibt Strategien für einen bewussteren Umgang mit digitalen Informationen.
- Satici, S. A., Gocet Tekin, E., Deniz, M. E. & Satici, B. (2023). Doomscrolling Scale: its Association with Personality Traits, Psychological Distress, Social Media Use, and Wellbeing. Applied Research in Quality of Life, 18, 833–847. Beobachtungsbefunde, kein Nachweis einer eindeutigen Wirkungsrichtung.
- klicksafe: Digital Wellbeing. Medienpädagogische Informationen zu bewusster Nutzung.





