Gefühle für Kollegin: Nur sorgend oder vielleicht mehr?

Februar 23, 2018 Antwort von Nora Thiemann

themagreto, männlich, 21 Jahre

Guten Tag, liebes Psychologen-Team und liebe Leser,
„ich“ habe folgendes Problem: Eine meiner Mitarbeiterin, die ich ins Herz geschlossen habe, ist mit einem Typen seit fast 10 Jahren zusammen. Sie waren sehr jung (ca. 15 Jahre alt) als sie zusammen gekommen sind. Nun sind sie es immer noch, jedoch haben sie als Jugendlich Regeln aufgestellt, die alle zur Gunst des Mannes fielen. Sie feiert seit sie zusammen sind nicht mehr ihren Geburtstag, darf nicht ins Kino, sich mit anderen treffen. Sie bezeichnet ihn oft als Arschloch, weil sie seinetwegen sich daheim langweilt und eigentlich so gesehen kein Leben mehr hat...


Sie sagt immer, dass sie das dämlich fände, aber sie das akzeptiert hat, dass es nunmal so ist... Jedoch merke ich daran, wie oft sie erwähnt, wie unglücklich sie mit ihrem Freund bzw. seinetwegen ist, dass sie oft davon erzählt. Ich würde sie am liebsten heulend umarmen, was während der Arbeitszeit nicht geht.... außerhalb darf sie nichts mit mir zu tun haben (wir schreiben miteinander, was sie aber eigentlich auch nicht tun soll, laut ihm). Sie hat mit ihrem „Freund“ schon so oft geredet, aber er will nichts an den Beziehungsregeln ändern.
Regeln in einer Beziehung zu haben kann echt nützlich sein, aber er beraubt ihr ihre Freiheit. Soweit mein Wissen bezüglich Jura reicht, handelt es sich hierbei um mentale Freiheitsberaubung, was geahndet werden kann.

Ich bitte Sie um Hilfe... ich werde auch keine Ruhe haben, bis ich sie lächelnd nach Hause sehen werde, weil sie glücklich ist, nach Hause gehen zu dürfen...♥

Antwort von Psychologen Online

Lieber Anfragende, Sie schreiben über die Paarbeziehung einer Mitarbeiterin. Es fällt Ihnen schwer dies zu ertragen, da Sie diese als ungerecht und falsch empfinden und die Frau Ihnen ja auch schon gesagt hat, dass sie unglücklich ist. Was können Sie nun tun? Sie können der Frau Ihre Eindrücke und Meinung mitteilen. Nur leider können wir andere Menschen nicht dazu bewegen, etwas zu verändern, wenn sie selbst nicht dazu bereit sind – selbst wenn wir meinen, die andere Person wäre dann glücklicher. In diesem Sinne hat jeder auch ein Recht darauf unglücklich zu sein. Falls Ihre Bekannte jedoch selbst überlegt, etwas zu ändern oder sich mit den Problemen näher auseinanderzusetzen, kann sie sich an eine Lebensberatungsstelle wenden, die es in den meisten Städten gibt (DIAKONIE, CARITAS, PRO FAMILIA). Dort könnte Ihre Bekannte allein hingehen oder auch gemeinsam als Paar. Die Beratungen sind ergebnisoffen. Ein Paar kann zum Beispiel neue Impulse für die Beziehung erhalten, etwa eingefahrene Regeln verändern. Manchmal stellt sich in einem Beratungsprozess auch heraus, dass eine Trennung die beste Option ist.

Besondere Gefühle für Kollegin?

Erlauben Sie mir aber, noch auf einen anderen Aspekt einzugehen. Bei Ihrem Schreiben meine ich zwischen den Zeilen herauszuhören, dass Sie möglicherweise auch Gefühle für die Kollegin haben, die über eine Arbeitsbeziehung hinausgehen. Sie schreiben ja auch, dass Sie sie „ins Herz geschlossen haben“. Der Kontakt zwischen Ihnen geht jetzt schon über das hinaus, was eigentlich in der Beziehung des Paares legitim ist. Vielleicht haben Sie sogar romantische Gefühle für die Kollegin? Erhoffen Sie sich eventuell einen noch engeren Kontakt zu ihr? Diese Antworten können sie sich natürlich nur selbst geben. Ich finde es nur wichtig, dass Sie sich über Ihre eigenen Motive klar werden: Aus welchen Gründen möchten Sie der Frau helfen und mit Ihr Kontakt halten?

Kollege oder Vorgesetzter?

Aus Ihrem Text wird nicht deutlich in welchem Arbeitsverhältnis Sie mit der Mitarbeiterin stehen, ob Sie Kollegen oder Sie ihr Vorgesetzter sind. Sollten Sie Vorgesetzter der Frau sein, würde ich Ihnen empfehlen, noch einmal über Ihre berufliche und private Rolle nachzudenken. Inwieweit ist es passend, dass Sie sich in dieser Art im Privatleben der Mitarbeiterin einbringen? Es könnte auch sein, dass Sie sich selbst darüber noch gar nicht im Klaren sind. Dann kann es helfen, dies mit einer Ihnen vertrauten Person, z.B. einem guten Freund zu besprechen und ihn um eine ehrliche Rückmeldung zu bitten, wie er Sie in dieser Situation sieht und einschätzt.

Ich hoffe, Ihnen einige hilfreiche Anregungen gegeben zu haben.
Alles Gute und viele Grüße, Nora Thiemann


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Nora Thiemann ist systemische
Therapeutin und lebt in Berlin.


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