Angst vor der Angst?

Januar 6, 2018 Antwort von Elke Aliatakis

Tim, männlich, 19 Jahre

Schönen guten Abend, mein Anliegen könnte unter Umständen sehr speziell wirken, deshalb möchte ich mich kurz fassen. Ich arbeite im sozialen Bereich, habe nur noch meine Mutter und einen kleinen Bruder, so viel Transparenz sollte doch gegeben sein.
Ich bin im Grunde ein sehr aktiver selbstbewusster junger Mann, aber in letzter Zeit merke ich das meine Gefühle die Überhand gewinnen. Ich habe mich hinsichtlich jeglicher Gefühle, egal ob Positiv oder negativ, merkbar zunehmend weniger unter Kontrolle. Im Vordergrund steht allerdings die Angst, die zunehmend einen stärkeren Platz in meinem Leben einnimmt. Keine bestimmten Ängste, lediglich die allgemeineren Dingen wie z.B Tod, Krankheit oder auch die Angst vor Krieg. Ich kann mich von den Gedanken gut abgrenzen, mit der Arbeit oder meinen Hobbys. Es wird nur mit der Zeit immer schwieriger, und die Gedanken werden abstrakter und intensiver. Ich danke Euch dafür, dass es so eine Plattform gibt. MFG!


Antwort von Psychologen Online

Lieber Tim, Sie stecken in einem sogenannten Angst-Kreislauf. Eventuell gab es ein Ereignis in Ihrem Leben, das Ihnen ganz schön zugesetzt hat. Es kann aber auch sein, dass die Angst sich entwickelt hat, weil Sie an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen. Das vollzieht sich nämlich meist nicht ohne Verunsicherungen. Sie beschreiben sich einerseits als selbstbewusst - andererseits erleben Sie Angst. Erwachsenwerden heißt: sich von den entgegengesetzten Polen mehr zur Mitte hin zu entwickeln, also weder der große Starke noch der kleine Schwache sein zu müssen. Wenn Sie Ihren Anspruch aufgeben, immer stark sein zu müssen, wird Ihre Angst vielleicht irgendwann nicht mehr notwendig sein.
Angst hat normalerweise Signalcharakter, will uns also vor einer Gefahr warnen. Vielleicht haben Sie ja Sorge, Ihre Mutter und Ihren jüngeren Bruder zu verlieren. Dann will Sie Ihre Angst vielleicht darauf hinweisen, dass Sie sich um weitere soziale Beziehungen kümmern sollten: Gibt es gute Freunde? Was ist mit Ihrem Vater, Ihren Großeltern und anderen Verwandten? Welche Menschen stehen Ihnen nahe? Welche Beziehungen könnten Sie intensivieren?

Phänomen: Angst vor der Angst

Ich sprach weiter oben von Angst-Kreislauf. Wenn man nämlich Ängste mehrfach erlebt hat, registriert man mögliche mit Angst einhergehende Körperreaktionen sehr genau und misstrauisch und hat bei den kleinsten Anzeichen, die möglicherweise von etwas ganz anderem herrühren, Sorge, dass man wieder von den Ängsten überflutet wird. Betroffene Menschen haben irgendwann Angst vor der Angst, d.h. befürchten das Auftreten von Angstsymptomen, fokussieren damit aber erst recht auf die Angst und lösen diese damit erst aus. Problematisch ist auch, dass Betroffene angstauslösende Situationen vermeiden, damit aber die Angst verstärken. Denn immer wenn die Angst oder Erwartungsangst durch Vermeidung nachlässt, wird das Vermeidungsverhalten verstärkt. Durch die Angst vor der Angst berauben Sie sich die Betroffenen nach und nach der Möglichkeit, sich frei zu bewegen und schöne Erlebnisse zu haben. Sie sind irgendwann Gefangene ihrer eigenen Gedanken und Vermeidungsmechanismen.

Was können Sie tun gegen die Angst vor der Angst

Neben dem Aufbau sozialer Kontakte, die Ihnen gut tun, ist es wichtig, sich der Angst zu stellen. Alles, was wir in uns bekämpfen, wird dadurch umso stärker. Schauen Sie Ihre Angst an. Da sich die Angst bei Ihnen langsam generalisiert, wäre es interessant nach den ursprünglichen Angstauslösern zu schauen. Hatten Sie eventuell Verlusterlebnisse? Wenn sich die Angstsymptome bereits weit entwickelt haben, benötigen Sie unter Umständen auch professionelle Hilfe dabei, sich der Angst zu stellen. Sie könnten es vielleicht zunächst bei der kostenlosen Hotline www.nummergegenkummer.de/ Telefonnummer 116111 versuchen. Oder lassen Sie sich bei einer Psychologische Beratungsstelle an Ihrem Ort einen Termin geben.
Ich wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg!


Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
Die Beratung von Psychologen Online per Videochat oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.

Viele Grüße, Elke Aliatakis


Elke Aliatakis ist Psychologin und systemische
Therapeutin und lebt in Herrenberg.


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