Sehnsucht nach anderen Menschen und das Thema Magersucht

Antwort von Nora Thiemann

Onyetwenye, männlich, 21 Jahre

Ich habe ernsthafte Probleme, Menschen wahrzunehmen, dass ich sie habe und Ihnen auch zu vertrauen. Ich bin es nur gewohnt, von Menschen ignoriert oder ersetzt zu werden. Ich brauche Liebe und bekomme sie nicht.
Ich erinnere mich an die erste beste Freundin, die ich hatte und in der ich gleich direkt verknallt war. Jung, blöd eben, damals 18. Natürlich habe ich versucht etwas Liebe abzubekommen, wurde natürlich abgewiesen. Das Blöde war, blind wie man ist, hat man trotzdem nie aufgegeben. Ich bin jedes Wochenende mit ihr in die Clubs, jeden Tag. Mit ihr ohne Begleitung. Und habe ca. sieben Monate Wochenende für Wochenende mitangesehen, wie sie mit mir in den Club gegangen ist, und mich nach 30 Minuten durch den nächstbesten Jungen ersetzt hat. Jedes Wochenende hat sie ungelogen mit fünf unterschiedlichen Typen rumgemacht und mit dem Sechsten außerhalb des Clubs Geschlechtsverkehr gehabt. Dann war sie einmal traurig, ich wollte sie in den Arm nehmen, sie hat mich gegen die Wand geschmissen, ich bin weinend nach Hause gerannt. Beide Erlebnisse haben mich geprägt wie nichts anderes (siehe die ersten beiden Sätze von mir).
Im Anschluss darauf hatte ich bis heute noch sechs weitere gute bis beste Freundinnen, sie alle aber am Desinteresse mir gegenüber verloren (Umzug, neue Freunde, oder Freund), meine Jungs meldeten sich nie von sich aus. Ich fragte schon montags, was am Wochenende geht und bekam ganz selten mal eine Antwort. Man nahm mich nie mit in die Clubs. Ich wurde damals magersüchtig und sollte in eine Klinik für Essgestörte kommen (vor ca 3 Jahren). Bis ich mich entlassen hab und meine Leidenschaft, der Musik, nachging. Ich bin Raver, gehe in die Clubs, in denen meine Musik gespielt wird (diese wird nur im Ausland gespielt). Insbesondere darunter England, Schweiz, Belgien. Ich war jeden Monat im Ausland alleine und habe die Freiheit genossen. Habe auch dort z.B. in Manchester Freunde gefunden. Die Essstörung dadurch besiegt.
Die Vergangenheit hat jedoch Wunden hinterlassen, die immer noch offen sind. Ich habe aus Selbstschutz angefangen, Leute, die ich habe, nicht wahrzunehmen, damit es mich nicht verletzt, wenn sie mich verlassen. Ich war es nicht gewohnt, Menschen zu haben und habe mit dem Verlust gerechnet. Heute habe ich einen sehr guten Kumpel aus Manchester, einen guten Kumpel nahe Dover, zwei gute Kumpels in Deutschland und eine relativ gute Freundin, die sich den Arsch für mich aufreisst.
Problem: Ich nehme sie alle nicht wahr! Ich kann sie nicht sehen und habe immer Angst, dass ich sie verliere, dass ich um sie kämpfen muss, da sie mich sonst verlassen oder ersetzen. Die Magersucht ist leider wieder da, mit dem Unterschied, dass ich reifer bin und die Ursachen für diese MS die eigentlichen Brandherde sind, eben nicht die Magersucht an sich. Ich fühl mich überhaupt nicht geliebt und alleine. Ich bin liebesbedürftig und vermisse so sehr eine Umarmung. Und ich empfinde, dass der Punkt, dass ich seit Jahren keine Menschen mehr spüre, wahrnehme und mich so einsam und machtlos fühle und zwar zu jeder Tageszeit extrem alarmierend. Ich bekomme das nicht mehr weg.
Frage 1: Was ist das? Manchmal denke ich, ich bin komplett verrückt geworden.

Frage 2: Ich möchte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, meine Eltern sollen es aber lieber nicht erfahren. Ich würde ihnen das Herz brechen, wenn sie von der Magersucht Bescheid wüssten. Bezahlt die Krankenkasse Therapiestunden?

Frage 3: Ich wäre bereit, meinen Arbeitgeber, eine Stadtverwaltung über die Magersucht in Kenntnis zu setzten. Als Azubi in der Anfangsphase frage ich mich aber, ob das der klügste Schritt ist, oder ob ich mir nicht dadurch eher selber Steine in den Weg lege bzgl. Zukunft, Aufstiegschancen etc. Was würden Sie tun?


Antwort von Psychologen Online

Lieber onyetwenye, Sie schreiben von großen Unsicherheiten, andere Menschen wahrzunehmen, ihnen zu vertrauen und haben Angst, liebgewonnene Menschen zu verlieren. Um diese Enttäuschung zu vermeiden, lassen Sie andere lieber gar nicht an sich heran. Das führt allerdings dazu, dass Sie auch gar keine positiven Erfahrungen machen können, z.B. nicht erfahren können, woran Sie merken, wenn Sie jemandem vertrauen können. Und dann bleiben sie weiter misstrauisch und vorsichtig im Kontakt mit anderen. So hält sich das Problem dann von selbst immer weiter aufrecht, man könnte auch von einem „Teufelskreis“ sprechen.


Sie schreiben von schwierigen Zeiten, die Sie durchgemacht haben, unter anderem eine Magersucht und Klinikaufenthalt. Dann haben Sie selbst geschafft, sich zu stabilisieren, indem Sie Ihrer Leidenschaft als Raver nachgegangen sind. Sie haben über die Reisen sogar neue Bekanntschaften gefunden. Das zeigt mir, dass Sie selbst schon Ansätze haben, aus diesem Teufelskreis heraus zu gelangen. Wie haben Sie es geschafft, sich z.B. auf Ihre Freunde in Manchester einzulassen? Was ist dabei anders als sonst? Diese Ansätze sollten Sie weiterverfolgen!

Des Weiteren würde ich Ihnen raten, ein wenig mehr auf die Zeichen zu hören, die Andere Ihnen senden und dabei auf Ihre eigenen Gefühle zu vertrauen. Ein Beispiel: Sie schreiben, dass Sie in Ihre Freundin verliebt waren, diese Sie aber jedes Wochenende „durch den nächstbesten Jungen ersetzt“ hat. Was waren Ihre Gefühle dabei? Möglicherweise Trauer, Enttäuschung, Einsamkeit oder Ärger? Da hätten Sie besser auf sich achtgeben sollen und sich dem nicht mehr aussetzen sollen. Wenn Sie ehrlich zu sich gewesen wären, hatten Sie dies als Zeichen interpretieren können, dass die Freundin nicht in Sie verliebt ist. Damals waren Sie auch noch jünger, gerade 18 Jahre alt. Mittlerweile sind sie reifer und könnten sich z.B. vornehmen: Ich achte gut darauf, wie es mir im Kontakt mit einer Person geht. Wenn es mir hauptsächlich schlechte Gefühle macht, ist es ein Warnsignal und ich muss etwas ändern. Wenn ich mich wohlfühle, kann ich Stück für Stück mehr Vertrauen wagen. Wenn Sie so achtsam mit sich selbst umgehen, kann es auch wieder zu der Nähe zu anderen Menschen kommen, die Sie sich so sehr wünschen.

zu Ihrer Frage 2: Wenn Sie es nicht möchten, werden Ihre Eltern es nicht erfahren, wenn Sie eine Psychotherapie machen. Der/Die Psychptherapeut/in hat eine Schweigepflicht. Die Krankenkasse kann eine Psychotherapie in vollem Umfang bezahlen, wenn Sie diese bei einem approbierten psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten machen, der eine Kassenzulassung besitzt (zum Weiterlesen: Unterschiede zwischen Psychologen und Psychiatern). Die Voraussetzung ist, dass eine psychische Erkrankung vorliegt. Diese muss ein Arzt oder Psychotherapeut diagnostizieren. Eine Magersucht ist, wenn Sie professionell diagnostiziert wird, ein Grund, dass die Krankenkasse eine Therapie übernimmt.

Zu Ihrer Frage 3: Warum meinen Sie denn, Sie sollten Ihren Arbeitgeber über Ihre Magersucht in Kenntnis setzen? Sie sind jedenfalls nicht verpflichtet, Ihren Arbeitgeber zu informieren. Selbst wenn Sie krank geschrieben werden, hat der Arbeitgeber erst einmal nicht das Recht, den Grund der Krankschreibung zu erfahren. Es könnte ja aber sein, dass Sie ein Vertrauensverhältnis bei der Arbeit, z.B. zu Ihrem Chef oder Chefin haben und ein besseres Gefühl hätten, wenn man dort über Sie Bescheid weiß. Ich finde Ihre Bedenken jedoch auch berechtigt. Letztendlich müssen Sie die Entscheidung nach Abwägen der Risiken selbst treffen, auch nachdem wie sie sich wohler fühlen.

Viele Grüße, Nora Thiemann

Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
Die Beratung von Psychologen Online per Videochat oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.


Nora Thiemann ist systemische
Psychotherapeutin und lebt in Berlin.


Zum Termin