Wie gehe ich mit Frauenfeindlichkeit und Sexismus um?

Antwort von Sarah Kistner

Ghost, weiblich

Erst mal vielen Dank für diesen Service. Ich bin Anfang 20 und leide sehr darunter, eine Frau zu sein, schon mein Leben lang. Ich komme aus einer deutschen, mittelständischen Familie und wurde sehr sexistisch erzogen. Mir wurde mein Selbstwert permanent abgesprochen. Ich leide unter PTBS und bin auch in Behandlung. Dennoch werde ich ständig mit Misogynie konfrontiert, die heutzutage trotz aller Verbesserungen immer noch sehr weit verbreitet ist. Idioten meinen „Feminism is cancer“, ohne zu begreifen, dass Feminismus einfach nur für Gleichberechtigung steht. Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, komme nicht mehr im Leben klar, strebe zu 50% eine Geschlechtsangleichung von Frau zu Mann an, um endlich befreit und ohne Angst zu leben. Ich will ich selbst sein, ohne mich angreifbar zu fühlen und zu rechtfertigen für das, was ich bin und wie ich bin. Als Frau sehe ich meine Identität und meinen Wert permanent auf dem Prüfstand. Was kann ich tun, um dieses Leiden endlich zu beenden? Ich denke sehr oft an Suizid.

Antwort von Psychologen Online

Liebe Schreibende, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich habe gern gelesen, dass Sie sich trotz der schwierigen Erfahrungen in Ihrer Kindheit, zu einer scheinbar sehr reflektierten und sensiblen Frau entwickelt haben. Sie beschreiben, dass Sie zurzeit unter Ängsten leiden, die Sie gerne angehen wollen. Ich nehme aus Ihrem Beitrag dazu vier Themen besonders wahr:


Sie ziehen sich zurück. Indem Sie den Kontakt zu Menschen reduzieren, hoffen Sie, sich Beobachtungen und Bewertungen zu entziehen. Mit diesem sozialen Rückzug scheinen Sie jedoch nicht glücklich. Wann waren Sie da letzte Mal draußen und haben es genossen? Wenn Sie sich an eine Situation erinnern, wie haben Sie es damals geschafft, Ihr Zeit draußen zu genießen? Was könnten Sie aus diesen Erfahrungen für heute nutzen?

Sexismus überall: Man könnte annehmen, Sie befänden sich in einem besonderen Umfeld, indem Frauen mehr als Frauen und weniger als Menschen bewertet werden. Viele Frauen müssen immer noch ziemlich viel Ungerechtigkeit und Sexismus über sich ergehen lassen. Haben Sie denn vielleicht Frauen (oder auch Männer) in deinem Umfeld, die sich dagegen wehren? Oder haben Sie vielleicht Vorbilder in der Medienwelt, auf Instagram oder Youtube, die zeigen, dass man etwas gegen Sexismus tun kann?

Man könnte beim Lesen auch auf die Idee kommen, dass Sie sehr auf das Thema Geschlecht sensibilisiert sind – Sie also immer die Geschlechter-Brille aufgesetzt haben. Würden anwesende Dritte Ihre Beobachtungen teilen oder ganz andere Gründe für das Verhalten von Menschen finden? Um seine Wahrnehmung zu überprüfen, hilft es, bewusst Menschen nach Ihren Beobachtungen zu fragen: Wie hast Du diesen Spruch oder dieses Verhalten eben erlebt? Was denkst Du, warum die Person, das eben gemacht hat? Je mehr Menschen Sie dabei fragen, desto sicherer können Sie in Ihren Schlussfolgerungen sein.

Von Frau zu Mann: welche Maßnahmen, sie genau mit „Geschlechtsangleichung“ gemeint haben, haben Sie nicht näher beschrieben. Aus Ihrem Beitrag habe ich in diesem Vorhaben jedoch Zweifel wahrgenommen. Fühlen Sie sich denn als Mann, der im falschen Körper steckt oder ist das für Sie eine denkbare Möglichkeit der erlebten Misogynie zu entgehen? Ich stelle mir bei der Idee einer „Angleichung“ die Frage nach den Konsequenzen für Ihre Gesundheit, für Ihre Identität als Frau (und vielleicht Feministin) und für Ihre Zukunftsplanung. Auf mich dies wirkt dies als ein großer Schritt, den Sie sorgfältig mit den Fachärzten besprechen sollten.

Zu den von Ihnen angesprochenen Gedanken an einen Suizid: Wenn Sie befürchten, sich etwas anzutun oder sich sonst in einer akuten Krise befinden, können Sie sich jederzeit an die Polizei, an das nächstgelegene Krankenhaus oder an Ihren Hausarzt wenden. Wenn Sie diese Hilfen noch nicht in Anspruch nehmen wollen, jedoch trotzdem dringenden Gesprächsbedarf haben, wenden Sie sich an die Deutsche Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222. Hier bekommen Sie rund um die Uhr Hilfestellungen (auch nachts!). Dort können Sie sich jederzeit in Akutsituationen melden, in denen Sie Unterstützung benötigen und mit den Experten gemeinsam eine Lösung für die Situation finden. Auch eine Chat- und Mailberatung ist möglich.

Diese vier besonderen Themen beschreiben ihre angespannte Situation und für mich die Notwendigkeit einer professionellen Begleitung. Sie haben sich an uns gewandt, weil Sie unter Ihrer aktuellen Situation leiden und sich Besserung erhoffen. Unsere Antwort in diesem Blog ist für Ihre Unterstützung zu wenig. Ich ermuntere Sie und empfehle Ihnen dringend, sich eine professionelle Hilfe vor Ort zu suchen. Ihr Hausarzt ist dafür erste Ansprechpartner. Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt über die Möglichkeit einer Psychotherapie, die genug Raum und Aufmerksamkeit für diese wichtigen Themen bieten kann. Vielleicht können Sie im Rahmen Ihrer PTBS-Behandlung ihre Themen bereits ansprechen und sich dort zu einer professionellen Begleitung beraten lassen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute! Sarah Kistner

Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
Die Beratung von Psychologen Online per Videochat oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.


Sarah Kistner ist Psychologin und systemische
Therapeutin und lebt bei Karlsruhe.


Zum Termin