Das gemeinsame Kind und der Kontakt zum Ex

Antwort von Prof. Walter Spiess

Wondergirl, weiblich, 23 Jahre

Hallo, Ich bin 23 Jahre jung und war mit 19 verheiratet und nach kurzer Zeit ist meine Tochter (3 Jahre) geboren. Nach einigen Monaten ist mir aufgefallen, dass mein Ex-Mann irgendetwas mir zu verheimlichen hatte. Auf Anfrage sei alles in Ordnung. Nun kam dann irgendwann die Polizei, um meinen damaligen Ehemann in die JVA einzuliefern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von seinen Vorstrafen keine Ahnung. Naja, dann war er weg und ich allein mit meiner Tochter. So war ich auf uns alleine gestellt. Dann stellte sich zu meinem Unglück heraus, dass mein Noch-Ehemann in den letzten 15 Jahren keine Rechnungen gezahlt hatte, genausowenig wie für die angemietete Wohnung für 6 Monate. Insgesamt war der Schuldenberg von ca. 6000€, den ich mit Hilfe meiner Eltern abbezahlte. Ich reichte die Scheidung ein, aufgrund des verlorenen Vertrauens. Wohnte dann für ein Jahr bei meinen Eltern, weil ich in der Ausbildung (3. Lehrjahr) war. So langsam gewöhnte ich mich an die Situation und beendete Gottseidank die Ausbildung und erhielt im Anschluss noch einen Arbeitsplatz.

Als mein Ex-Mann die JVA nach 6 Monaten verlassen hatte, hatte er natürlich versucht, Kontakt zu halten. Ich habe ihm jede Möglichkeit gegeben, seine Tochter zu sehen, nur leider verlor er dann irgendwann das Interesse. Beziehungsweise war das Interesse unsere Tochter nur zu sehen, wenn er Zeit und Lust habe (ist teilweise heute auch noch so).

Ca. 1 Jahr nach der Scheidung lernte ich meinen jetzigen Lebenspartner kennen. Er hat mich eigentlich so ziemlich nach der Scheidung aufgebaut und meinem Leben wieder ein Lächeln geschenkt. Er ist für meine Tochter wie der leibliche Vater. Sie nennt ihn auch Papa, obwohl ihr leiblicher Papa auch Papa genannt wird.

Zu ihrem 3. Geburtstag habe ich Ihre Familie eingeladen (Papa+Freundin, Oma, Uroma, Tanten und Cousinen). Das hat meinem Freund überhaupt nicht gepaßt. So genau konnte ich das nicht nachvollziehen. Da wir ihren Geburtstag nicht einmal zusammen gefeiert haben und ich dies einmal tun wollte. Ich habe meiner Tochter gegenüber ein extrem schlechtes Gewissen, da ich ihr keine vollkommene Familie bieten kann. Damit habe ich auch meinem Freund erklärt, dass es sich nur um einen Geburtstag handelt. Weil er war auch für meine Idee, dass ich mit meinem Ex-Mann ihren Geburtstag verbringen wollte. Dann hatte ich den Vorschlag gemacht, ihre Familie zu uns einzuladen. Da hat sich mein Lebenspartner zurückgehalten und nichts mehr dazu gesagt. Nur leider als, die Mutter meines Freundes ihm sagte, wie lächerlich ich mache, war es plötzlich ein Problem für ihn. Natürlich gab es dann einen riesen Streit. Denn es ging ja eigentlich um meine Tochter und nicht um meine alte Ehe. Ich bin jetzt ziemlich gekränkt, dass sich seine Mutter da einfach einmischt und auch dass mein Freund auf ihren Rat hört. Ich verweigere zur Zeit jeglichen Kontakt mit seinen Eltern. Das nimmt er mir sehr übel, weil er glaubt, nach dem Besuch meines Ex-Mannes, haben sich meine Gefühle geändert. Dabei bin ich zu meinem Ex-Mann neutral eingestellt. Es hat sich für mich nichts geändert.

Ich bitte um Rat. Ist mein Verhalten richtig? Oder sollte ich mich bei seiner Mutter entschuldigen, sowie das mein Freund von mir erwartet?

Antwort von Psychologen Online

Hallo Wondergirl, Sie sind, wie Sie schreiben, offenbar ganz gut damit zurechtgekommen, dass Ihr erster Mann Ihnen seine Vorstrafen verheimlicht hat und dass er in den letzten 15 Jahre keine Rechnungen bezahlt hat. Es ist Ihnen gelungen, Ihre Eltern dafür zu gewinnen, den Schuldenberg abzuzahlen, den Ihr Mann angehäuft hatte. Das zeigt, in welcher Weise Sie bei Ihren Eltern Unterstützung finden! Dass Sie aufgrund des verlorenen Vertrauens die Scheidung eingereicht haben, ist für mich nachvollziehbar. Wie Sie schreiben, haben Sie es dann geschafft, Ihre Ausbildung zu vollenden und einen Job zu erhalten. Alle Achtung!

Den Kontakt zum Ex neu gestalten

Ihr Ex-Mann hat dann, nach seiner Entlassung aus der JVA, „natürlich“ versucht, Kontakt zu halten. Und Sie haben ihm die Möglichkeit gegeben, Ihre gemeinsame Tochter zu sehen - eine großzügige und zugleich vernünftige Reaktion. Schade, dass dann sein Interesse nachgelassen hat. Und dass er sie jetzt nur noch sehen will, wenn er Zeit und Lust hat. Aber immerhin.

Schön, wie Sie beschreiben, dass Sie einen neuen Lebenspartner gefunden haben, dass er Sie nach der Scheidung „aufgebaut“ hat und „Ihrem Leben wieder ein Lächeln geschenkt“ hat. Erfreulich auch, dass Ihre Tochter ihn zu ihrem „Papa“ gemacht hat!

An welchen Stellschrauben können Sie drehen?

Und nun zur Geburtstagsfeier Ihrer Tochter: Sie schreiben, dass Sie „ihre" Familie eingeladen haben. Und offenbar sind alle gekommen. Das kann sowohl Ihre Tochter als auch die Familie Ihres Ex-Mannes so verstehen, dass Sie ihnen nichts nachtragen - im Gegenteil, dass Sie Ihrer Tochter und der Familie zuliebe den Kontakt zum Ex-Mann fördern. Dass Sie die Beziehung zu Ihrem Ex-Mann und seiner Familie so pflegen, ist nicht selbstverständlich. Insofern ist es für mich keine totale Überraschung, wie die Mutter Ihres Lebenspartners reagiert. Könnte es sein, dass sie sich wünscht, stärker in Ihr Familienleben einbezogen zu sein? Was würde sie wohl sagen, wenn Sie sie danach fragen würden? Falls sie sich das wünscht: Sehen Sie eine Möglichkeit, wie das geschehen könnte? Und dass diese dann auch mit Ihren Vorstellungen verträglich ist?

Viele Grüße, Walter Spiess

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Prof. Walter Spiess ist psychologischer
Psychotherapeut und lebt in Berlin.


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