Nach dem Abi den ganzen Tag vorm PC

Antwort von Klemens Lühr

Freak, männlich, 20 Jahre

Hallo, ich habe im Juni mein Abitur bestanden aber stehe dennoch mit ziemlich leeren Händen da. Um einen Ausbildungsplatz habe ich mich nicht gekümmert und meinen Studienplatz habe ich kurzfristig wieder abgeben. Seit ca. 4-5 Jahren habe ich nämlich soziale Ängste und im Laufe der Jahre hat sich ebenfalls eine mittelschwere Depression entwickelt. Zurzeit weiß ich auch nichts mehr mit meinem Leben anzufangen.

Anstatt mich um Bewerbungen zu bemühen, hänge ich den ganzen Tag vor dem PC und komme nur raus, wenn ich bei meinem Nebenjob meiner Arbeit nachkommen muss. Das Internet, Videospiele und Essen sind die einzigen Dinge, die mir noch Freude bereiten und dementsprechend verbringe ich nur damit viel Zeit. Freunde treffen tue ich nicht und generell unterwegs bin ich gar nicht mehr. Derzeit sehe ich meine Situation aussichtslos, da ich überhaupt nicht in Gang komme. Meine Eltern machen sich schon große Sorgen aber ich kann mich nicht aufrappeln. Was wäre in meiner Lage einer der ersten Schritte, der getätigt werden muss?

Antwort von Psychologen Online

Vielen Dank für Ihre Anfrage. Da Sie von einer „mittelschweren Depression“ berichten, frage ich mich, ob Sie sich in den letzten Jahren therapeutische Unterstützung gesucht haben. Wenn Sie eine Therapie gemacht haben, kennen Sie sicherlich bereits viele Werkzeuge, die halfen, Ihre Motivation zu steigern und wichtige Aufgaben anzugehen. Was hat sich in den letzten Jahren als hilfreich erwiesen und was könnten Sie von dem einst Gelernten heute nutzen? Vielleicht ein stärker strukturierter Tag mit geplanten Aufgaben für Ihren Vormittag und Nachmittag? Oder gezielte und regelmäßige Bewegung und Sport? Welches heutige Ziel konnte für Sie so interessant sein, dass Sie mehr Lust verspüren, sich dafür aufzurappeln, als das aktuelle Videospiel fortzusetzen?


Sie schreiben, Sie säßen den ganzen Tag vor dem PC - scheinbar haben Sie sich in letzter Zeit an ein Muster gewöhnt, dass Ihnen wenig Zufriedenheit verschafft. Jetzt gilt es, dieses Muster mit neuen Tätigkeiten aufzubrechen. Der erste Schritt ist vielleicht noch schwierig und Sie verspüren noch wenig Lust und Kraft. Aber wenn der Zug sich erst einmal in Bewegung gesetzt hat, fährt er bald von alleine. Vielleicht bemerken Sie bereits am Abend des ersten Tages eine kleine Veränderung? Wenn ja, welche genau? Manche Menschen finden es hilfreich, kurz aufzuschreiben, was Sie am Tag gemacht haben und wie Sie sich dabei gefühlt haben. So werden Sie sensibler dafür, was Ihnen guttut.
Sie schrieben davon, dass nach Ihrem Abitur nun die Frage im Raum steht, wohin Ihre Reise geht. Gerade dann, wenn ein neuer und ungewisser Lebensabschnitt ansteht, kann der nächste Schritt mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden sein. Man könnte die Phantasie haben, dass die Videospiele Sie davon abhalten, den nächsten Schritt zu machen. Stellen Sie sich mal vor, Sie wachen Morgen auf, und Ihr Computer ist verschwunden und es gibt keine Möglichkeit, auf anderen Wegen ins Internet zu gelangen oder Videospiele zu spielen: Was würden Sie mit diesem Tag anstellen?

Den ganzen Tag vor dem PC: Umgang mit einer möglichen Spielsucht

Möglichweise liegt bei Ihnen bereits eine Sucht vor. Nicht nur Drogen und Alkohol können süchtig machen. Auch Internetsucht ist ganz und gar nicht selten. Wenn Sie selbst denken, dass Sie schlecht vom PC "abschalten" können: Auf der tollen Homepage www.ins-netz-gehen.de erhalten Sie kostenlose Tipps, wenn man zu viel PC oder Computer nutzt. Es gibt einen Selbsttest zu Computerspiel- und Internetsucht und sogar ein Programm, an dem man kostenlos teilnehmen kann: Das Programm „Das andere Leben“ unterstützt dabei, die richtige Balance zwischen der virtuellen und der realen Welt zu finden.

Option: Psychotherapie

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie möglicherweise süchtig sind und Unterstützung von außen benötigen, empfehle ich Ihnen, sich an Ihren Hausarzt zu wenden. Auch wenn Sie in der Vergangenheit noch in keiner therapeutischen Behandlung waren, ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner, der mit Ihren Themen vertraulich umgehen wird und Sie bei den nächsten Schritten berät. Eine psychologische Therapie bei depressiven Symptomen oder bei Suchterkrankungen wird von der Krankenkasse übernommen und ist daher für Sie kostenfrei.

Ich hoffe, Ihnen weitergeholfen zu haben und wünsche Ihnen alles Gute!
Klemens Lühr


Die Antworten im Blog von Psychologen Online bieten eine erste Orientierungshilfe. Sie können keine Psychotherapie ersetzen und können auch keine Hilfe bei ernsten psychischen Problemen leisten. Die Online-Beratung erfolgt unentgeltlich durch einen Psychologen von Psychologen Online. Die Antwort bringt die persönliche Meinung des Autors oder der Autorin zum Ausdruck und spiegelt nicht unbedingt die Meinung von Psychologen Online wider.
Die Beratung von Psychologen Online per Videochat oder Telefon ist kostenpflichtig. Sollten Sie ein kostenfreies Beratungsangebot suchen, können Sie sich zum Beispiel an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 wenden.


Klemens Lühr ist Psychologe und systemischer
Berater und lebt in Dortmund.


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